Bayern 2 - Hörspiel


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"Leuchtende Hommage" an die Dichterin Elfriede Gerstl BR-Koproduktion GEH DICHT DICHTIG! ist Hörspiel des Jahres 2019

Wie kein anderes Hörspiel im Jahr 2019 überzeugt die Produktion „GEH DICHT DICHTIG!“. Das virtuose Akustikexperiment produziert einen fantasievollen Sprachwitz, der von Literatenkollegen wie Ernst Jandl oder Oskar Pastior inspiriert zu sein scheint, aber in seiner individuellen Ausformung völlig eigenständig dasteht und auf beispielhafte Weise ein Feuerwerk des Auditiven zündet.

Stand: 10.01.2020

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl im Kafeehaus, Wien um 1970 | Bild: picture-alliance/imago

Hörspiel des Jahres 2019

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt zum Hörspiel des Jahres 2019:

GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl

Von Ruth Johanna Benrath
Mit Gerti Drassl und Dörte Lyssewski
Regie: Christine Nagel
Komposition: Lauren Newton
Aufnahme/Schnitt: Martin Leitner, Manuel Radinger, Daniel Bren
Produktion: ORF/BR 2019
Länge: 42'

In „GEH DICHT DICHTIG!“ tritt die in Berlin lebende Autorin Ruth Johanna Benrath in einen fiktiven Dialog mit der von ihr verehrten Wiener Dichterin Elfriede Gerstl (16. Juni 1932–9. April 2009). Elfriede Gerstl verfasste Gedichte, Essays, kurze Prosastücke und „Denkkrümel“, wie sie selbst einige ihrer Texte nannte. Sie zählt zu den Größen der österreichischen Literatur nach 1945. Sie stammte aus einer jüdischen Zahnarztfamilie und überlebte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Verstecken in Wien. 1980 betrachtete Elfriede Gerstl in ihrem Essay "Aus der Not ein Hörspiel machen, zur Not ein Hörspiel hören“ die Chance des Hörspiels im Verursachen von „Denkanstößen“. Diesen Gedanken nimmt „GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl“ von Ruth Johanna Benrath auf, indem Benrath aus Anlass von Elfriede Gerstls 10. Todestag auf deren „Denkkrümel“ mit ihren eigenen Texten antwortet. Die akustische Umsetzung bildet den Verlauf dieses Dialogs nach.

Jurybegründung

Wenn ein Preis bereits 31 Mal verliehen worden ist, könnte sich beim 32. Mal leicht ein Hauch von Routine einschleichen. Dies ist 2019 beim „Hörspiel des Jahres“ keineswegs der Fall: Erstmals haben am Wettbewerb Einreichungen des ORF und des SRF teilgenommen, und gleich zum ersten Mal geht die Auszeichnung an eine ORF-/BR-Produktion: „GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl“ von Ruth Johanna Benrath. Der imaginäre Dialog der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl (Gerti Drassl) mit der Berliner Autorin Ruth Johanna Benrath (Dörte Lyssewski), der durch Lautimprovisationen der US-amerikanischen Klangkünstlerin Lauren Newton als gleichberechtigter zusätzlicher Stimme trialogisch konzipiert ist, zeigt eine perfekte Melange gestalterischer Parameter:

Das Hörspiel präsentiert sich als Wort-, Klang- und Gedankenexperiment und wird durch den anarchischen Umgang mit Sprache und einer selten so gelungenen Rhythmisierung sprachlicher Musikalität zum Unikat, zu einer vor Intensität leuchtenden Hommage an die 2009 verstorbene Elfriede Gerstl.

Wie kein anderes Hörspiel im Jahr 2019 überzeugt die Produktion durch ein mitreißendes Wechselspiel dreier Klangquellen, die im Endprodukt völlig assoziativ entstanden zu sein scheinen. Dieses wechselseitige Durchdringen unterschiedlicher Sprach- und Lautgenres als Ergebnis einer multifunktionalen Kollektivleistung des Produktionsteams unter der beeindruckenden Regie Christine Nagels macht den performativen Charakter von „GEH DICHT DICHTIG!“ aus und das Werk zu einem lautpoetischen Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art:

Sprachklang wird schillernd transportiert, geräuschhafte Strukturen wirken im besten Sinne so integrierend wie irritierend, ihre ausgeklügelte Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz, provoziert und produziert eine mitunter köstlich-absurde Komik. Das Zulassen des Assoziativen evoziert den dadaistischen Effekt des scheinbar Kindlich-Naiven, des bewusst Nicht-Reflektierten. Sprache wird aktiviert, um Sprache um- und aufzuschürfen und ihr neue Lebendigkeit durch die Freude am Wort und am Vokalisieren zu verleihen. Loops, Grooves und variantenreiche Chaosfaktoren in der Textstruktur finden sich sowohl auf sprachlich konzipierter als auch musikalisch improvisierter Ebene. Dies führt zu einer atemberaubend dynamischen Interaktion im fiktiven Dialog.

Das virtuose Akustikexperiment „GEH DICHT DICHTIG!“ produziert einen fantasievollen Sprachwitz, der von Literatenkollegen wie Ernst Jandl oder Oskar Pastior inspiriert zu sein scheint, aber in seiner individuellen Ausformung völlig eigenständig dasteht und auf beispielhafte Weise ein Feuerwerk des Auditiven zündet.

Die Preisverleihung ist am 22. Februar 2020 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt, der Eintritt ist frei.

Die Jury 2019

Torsten Mergen, Germanist, Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel, Ruth Rousselange, Autorin, freie Kritikerin, Georg Ruby, Musiker, Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes. Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Der Preis

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste zeichnet jedes Jahr das "Hörspiel des Jahres" aus. Grundlage bilden die "Hörspiele des Monats", die eine Jury aus dem Angebot der ARD ein Jahr lang als die gelungenste neue Produktion kürt. In der Hörspiel-Szene gilt diese Auszeichnung als einer der begehrtesten Medienpreise.


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