Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Chancen und Risiken der Biologicals

Von: Holger Kiesel

Stand: 15.05.2015

Biologicals sind - anders als der Name vermuten lässt - gentechnisch hergestellte Medikamente. Im Bild: Wissenschaftlerin bei der Überprfung einer sog. Kristallisationsplatte zur Kristallisation von Proteinen. | Bild: mauritius-images

Seit gut 15 Jahren gibt es Biologicals – gentechnisch hergestellte Medikamente, die helfen sollen, ein gestörtes Immunsystem wieder zu regulieren. Im Bereich der Rheumabekämpfung haben sie sich in dieser Zeit nahezu den Ruf einer Wunderwaffe erworben, da sie sehr gezielt eingesetzt und auch vielseitig mit anderen Medikamenten kombiniert werden können.

Expertin:

Dr. Susanna Späthling, Rheumatologin in München

Auch konnte durch umfangreiche Studien mittlerweile in vielen Fällen geklärt werden, wann und unter welchen Umständen welche Nebenwirkungen auftreten können. Einer der Nachteile: Biologicals sind aufgrund ihres aufwendigen Herstellungsprozesses im Moment noch sehr teuer.

Aus was Biologicals bestehen

Biologicals oder Biologika sind nicht - wie der Name nahelegt - biologische, sondern gentechnisch hergestellte Medikamente, die aus lebenden, in großen Tanks gezüchteten Tierzellen gewonnen werden. Es handelt sich um große Eiweißmoleküle, die in einem sehr aufwendigen Prozess, der mehr als 5.000 Einzelschritte umfasst, produziert werden.

Das Immunsystem wieder regulieren

Die erzeugten Proteine sollen helfen, ein durch eine Autoimmunerkrankung (z.B. eine Rheumatoide Arthritis) aus dem Gleichgewicht geratenes Immunsystem wieder zu regulieren. Je nach Art der vorliegenden Störung setzen verschiedene Biologicals dabei an unterschiedlichen Stellen der körpereigenen Abwehr an.

Beispiel: TNF-Blocker

Die größte Gruppe der Biologicals bilden die sogenannten TNF-Blocker. Sie hemmen den Tumor-Nekrose-Faktor, einen Botenstoff, der bei Entzündungen im Körper gebildet wird. Dadurch wird die Entstehung von Entzündungen, beispielsweise an den Gelenken, verhindert. So kann das zunehmend aggressive Fortschreiten einer Rheumatoiden Arthritis gestoppt werden.

Rheuma rechtzeitig erkennen

Rheuma - je früher es erkannt wird, umso besser. Idealerweise sollte Rheuma in den ersten drei bis sechs Monaten erkannt werden.

Je früher Rheuma erkannt wird (idealerweise in den ersten drei bis sechs Monaten), desto wirkungsvoller können immunmodulierende Medikamente eingesetzt werden. Im günstigsten Fall können dem Patienten negative Folgeerscheinungen wie Schmerzen, Deformationen oder Funktionsverlust vollkommen erspart bleiben. Dies gilt außerdem nicht nur bei Gelenkentzündungen, sondern auch bei Entzündungen der inneren Organe wie z.B. der Lunge, die - in selteneren Fällen - auch bei einer Rheumatoiden Arthritis auftreten können.

"Ziel ist es, einen Patienten so frühzeitig zu behandeln - mit oder ohne Biologicals - , dass die Erkrankung möglichst zum Stillstand kommt und er möglichst keine Beschwerden mehr hat. Die einzige Einschränkung, die in den allermeisten Fällen bleibt, ist, dass der Betroffene dauerhaft behandelt werden muss, da es sich bei der Rheumatoiden Arthritis um eine chronische Erkrankung handelt."

Dr. Susanna Späthling, Rheumatologin in München

Bestehende Entzündungen lindern

Teilweise können Biologicals sogar dabei helfen, dass bereits bestehende Knochendefekte geglättet werden. Einen Funktionsverlust oder eine Fehlstellung, die einmal vorhanden ist, können allerdings auch Biologicals nicht wieder beseitigen.

Biologicals versus Basistherapeutika

Außer den Biologicals kommen in der Rheumabehandlung auch andere Präparate, die sogenannten konventionellen, synthetischen Basistherapeutika zum Einsatz. Auch sie regulieren das Immunsystem. Ihr Wirkmechanismus ist, im Gegensatz zum punktuellen Wirkmechanismus der Biologicals, breiter angelegt. Bei manchen dieser Mittel ist der genaue Wirkmechanismus bis in alle Einzelheiten gar nicht genau bekannt. Selbstverständlich können sowohl bei Biologicals als auch bei herkömmlichen Basistherapien Nebenwirkungen auftreten.

Individuelle Therapie

Welches Präparat das richtige ist, muss der Arzt im Einzelfall entscheiden. Häufig werden auch Mittel aus beiden Gruppen miteinander kombiniert. Preislich günstiger sind jedenfalls die herkömmlichen Basistherapeutika.

Biologicals sind ein großer Fortschritt

Biologicals sind ein großer Fortschritt in der Rheumatherapie. Sie haben die Palette der Behandlungsoptionen enorm erweitert und bieten zudem neue Möglichkeiten für Kombinationstherapien mit herkömmlichen Basistherapeutika. In Studien haben gerade diese Kombinationstherapien eine sehr gute Wirksamkeit bewiesen. Dadurch ist es möglich geworden, auch schwere Verläufe der Rheumatoiden Arthritis positiv zu beeinflussen und die Erkrankung zum Stillstand zu bringen.

Der Text beruht auf einem Interview von Holger Kiesel mit Dr. Susanna Späthling, Rheumatologin in München.

Biologicals sind in aller Regel für alle Gruppen von Rheumapatienten geeignet. Im Bild: Tabletten und Beipackzettel. | Bild: mauritius-images zum Artikel Nebenwirkungen der Biologicals Biologicals sind für jeden geeignet

Biologicals sind eigentlich für fast alle Rheuma-Patienten geeignet. Doch man muss Vorerkrankungen abklären. [mehr]

Medikamente, ob nun Biologicals oder Basistherapeutika, sind in der Rheumatherapie unverzichtbar. Im Bild: Ein Biologe arbeitet im neuen Forschungs- und Entwicklungslabor der UroTiss GmbH am BioInnovationsZentrum in Dresden an einem Mikroton zur Fertigung von Ultradünnschichten mit Zellkulturen
Ein Biologe arbeitet im neuen Forschungs- und Entwicklungslabor der UroTiss GmbH am BioInnovationsZentrum in Dresden an einem Mikroton zur FImm | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Moderne Therapie bei Rheuma Auch ohne Medikamente?

Neben den Biologicals gibt es auch sogenannte Biosimilars – eine Art Nachbau. Aber sind sie zu empfehlen? Und was können Rheumapatienten grundsätzlich tun? [mehr]


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