Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Wenn die Seele den Körper krank macht

Von: Holger Kiesel

Stand: 01.06.2015

Oft haben körperliche Beschwerden eine psychische Ursache. Mediziner sprechen dann von psychosomatischen Krakheitsbildern. Im Bild: verzweifeltes junges Mädchen  | Bild: mauritius-images

Wenn ein Mensch krank wird, zeigt sich das manchmal an körperlichen Symptomen, manchmal durch seelische Probleme. Zwischen beidem gibt es häufig komplexe Zusammenhänge. Damit befasst sich die Psychosomatik, also mit den Zusammenhängen zwischen Körper, Seele und sozialem Umfeld.

Wie der Körper reagiert

Die Zusammenhänge zwischen körperlichen Symptomen, psychischen Problemen und sozialen Faktoren sind vielfältig und komplex.

Experte:

Privatdozent Dr. Frank Padberg, Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik an der psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Körper reagiert auf unterschiedlichste Art und Weise auf starke emotionale Belastungen und Lebenskrisen. Über die verschiedensten Organe, wie z.B. Herz, Lunge, Haut oder auch die Haare, teilt er mit, dass mit der Psyche etwas nicht in Ordnung ist - die Folge können Trauer oder Angst sein.

Warum der Körper reagiert

Diese Verbindungen von Körper und Psyche zu finden, ist nicht immer ganz einfach. Wenn ein Patient Schmerzen hat, eine Untersuchung aber dennoch keinen eindeutigen körperlichen Befund ergibt, gilt es, seine Lebensgeschichte und sein Umfeld genau zu studieren. Vielleicht liegt die Ursache für seine Beschwerden ja in seiner Seele.

Begriff

Der Begriff Psychosomatik stammt aus dem Griechischen und ist abgeleitet von den Wörtern psyché (Seele) und soma (Körper). Die Psychosomatik ist die Lehre von den Zusammenhängen zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen. Es geht dabei um die Wechselwirkungen physischer, psychischer, aber auch sozialer Faktoren im Hinblick auf Erkrankungen.

„Der Gedanke, dass körperliche und seelische Phänomene zusammenspielen, ist sehr alt, ihn gab es schon im alten Griechenland. Ihre aktuelle Entwicklung begann die Psychosomatik dann mit der Entdeckung der Psychoanalyse Ende des 19. Jahrhunderts. Ein zweiter Ausgangspunkt war im 20. Jahrhundert die Hinwendung zu einem ganzheitlichen Denken in der Medizin.“ PD Dr. Frank Padberg, Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik an der psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Psychosomatik in der Moderne

Seit den 1990er Jahren gibt es eine eigene Facharztbezeichnung: den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Seit den 1970er Jahren ist die Psychosomatik in der Approbationsordnung verankert und wird im Medizinstudium gelehrt. Seit den 1990er Jahren gibt es eine eigene Facharztbezeichnung, die jetzt Facharzt/Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie heißt. Während Fachärzte für Psychiatrie im gesamten Fachgebiet einschließlich Psychotherapie und Neurologie ausgebildet werden, liegt beim Facharzt für psychosomatische Medizin der Schwerpunkt auf der Psychosomatik- und Psychotherapieausbildung und der somatische Teil der Ausbildung wird oft in der Allgemein- oder Inneren Medizin absolviert.

"Leider gibt es mitunter ein Konkurrenzdenken zwischen Psychosomatik und Psychiatrie, wobei die Grenzziehung in manchen Bereichen auch schwierig ist. Eine gute und ergänzende Zusammenarbeit beider Fächer wäre aber befruchtend für Forschung und Praxis, zumal unsere Patienten oft kombinierte medikamentöse und psychotherapeutische Behandlungen benötigen."

PD Dr. Frank Padberg

Betroffene Behandlungsgebiete

Die Psychosomatik ist eine fachübergreifende Disziplin. Beispiele für Themen und Krankheitsbilder in der Psychosomatik sind:

  • Die Psychoonkologie befasst sich mit den psychischen Reaktionen von Betroffenen und ihrem Umfeld auf eine Krebserkrankung.
  • Bei den sogenannten Konversionsstörungen findet ein psychischer Konflikt Ausdruck in körperlichen Symptomen, häufig aus dem neurologischen Bereich (z.B. Motorik und Sensorik).
  • Im Falle einer somatoformen Erkrankung zeigen die Patienten häufig komplexe körperliche Beschwerden, die aber in der Regel mit den Mitteln der somatischen Medizin nicht hinreichend erklärbar sind (Beispiele: generalisierte Schmerzen, wechselnde Beschwerden an verschiedenen Körperteilen). Untersuchungen ergeben hier im Allgemeinen keinen eindeutigen körperlichen Befund. Die Beschwerden bleiben aber dennoch, weiten sich aus oder ändern ihr Erscheinungsbild, sodass die Beunruhigung beim Patienten wächst.

"Häufig kommen die Betroffenen dann nach mehreren Jahren zum Psychiater oder Psychosomatiker und werden dort erstmals im Hinblick auf die seelischen oder psychosozialen Aspekte ihrer Erkrankung behandelt."

Dr. Padberg

Angst – wie aus einer Emotion ein Symptom wird

Am Beispiel der Emotion Angst lässt sich gut verdeutlichen, wie psychische Phänomene in körperliche Reaktionen übergehen. Man schwitzt, die Herzfrequenz geht hoch, der Blutdruck steigt, die Atmung wird flacher und schneller, die Muskelanspannung steigt und man beginnt zu zittern. Ähnlich spezifische Begleitreaktionen gibt es auch bei anderen Gefühlsäußerungen wie Freude oder Wut.

Dem Text zugrunde liegt ein Gespräch von Holger Kiesel mit Privatdozent Dr. Frank Padberg, Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik an der psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nicht selten werden durch psychische Probleme organische Beschwerden ausgelöst. Im Bild: Nachdenklicher Mann bei einer psychotherapeutischen Beratung. | Bild: colourbox.com zum Artikel Psychosomatische Krankheitsbilder Zusammenhang zwischen Psyche und Körper

Haare, Haut, Herz, Lunge, Magen und Gelenke – all diese Körperteile und noch mehr können aufgrund von seelischen Nöten erkranken. Und dann setzt womöglich ein folgenschwerer Kreislauf ein. [mehr]

Zur Beurteilung psychosomatischer Beschwerden sind viele Aspekte von Bedeutung: Die Lebensgeschichte des Patienten, sein persönliches Umfeld und seine genetischen Voraussetzungen. Im Bild: Junge Frau wehrt sich gegen Nähe duch eine ausgestreckte Hand. | Bild: colourbox.com zum Artikel Zusätzliche Faktoren Wie das Leben Krankheiten prägt

Was hat man bisher erlebt? Wie gelebt? Welchen Einflüssen war man ausgesetzt? All das spielt auch eine Rolle bei der Entstehung von Krankheiten und wird in der Psychosomatik berücksichtigt. [mehr]


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