Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Stress bei Kindern Psychologische Ursachen von Migräne

Viele Studien, auch die Münchner MUK Studie, zeigen, dass das Gehirn eines Migränikers deutlich sensibler auf Stress reagiert als das Gehirn eines Nicht-Migränikers. Deshalb geht es in der Behandlung von Migräne auch darum, herauszufinden, welche individuellen Faktoren (in der Schule, der Familie, dem Umfeld) ein Kind unter Stress setzen. Und es ist wichtig, ihm dann Entspannungsmethoden und kognitive Techniken an die Hand zu geben, um mit belastenden Situationen besser umzugehen und um solche – im Leben ja unvermeidbaren – Situationen selbst besser steuern zu können.

Stand: 07.04.2017

Stress begünstigt Migräne bei Kindern - im Bild: gestresstes Schulkind | Bild: colourbox.com

"Kinder, die unter Migräne leiden, empfinden die exakt gleiche Schulsituation oft als sehr viel anstrengender als ihre Klassenkameraden. Um den Kindern Entlastung zur verschaffen, wäre es eigentlich ideal, wenn man ein Paket 'Muße/Langeweile/Leere' verordnen könnte, weil gerade das pubertierende Gehirn solche 'Aus-Zeiten' zur Reifung einfach braucht."

Prof. Florian Heinen, Leiter der Kinderneurologie am von Dr. Haunerschen Kinderspital in München

Dialog Schule – Medizin

Im heutigen eng getakteten Alltag ist es für Kinder und Jugendliche, die unter Migräne leiden, oft sehr schwer, sich der Reizüberflutung zu entziehen und sich die Auszeiten zu nehmen, die sie brauchen. Deshalb wäre ein stärkerer Dialog zwischen Ärzten und beispielsweise Lehrern sehr wünschenswert, um hier Verbesserungen zu erreichen. Dazu gehört, dass Schulen und schulpsychologische Dienste sich von Medizinern umfassend über Migräne informieren lassen und ebenso ihre Erfahrungen aus dem Schulalltag einbringen.

"Die gleichen Anstrengungen, die wir unternehmen, um unsere Arbeitsumgebung angenehmer zu gestalten – etwa optimales Licht oder längere Pausen - sollten wir auch für unsere Kinder im Schulalltag anstreben."

Prof. Florian Heinen

Nur vier Stunden nicht verplante Zeit pro Woche

"Wir haben Jugendliche ganz gezielt gefragt: ‚Reicht Deine freie Zeit in der Woche aus, um Dich zu erholen?‘. Die klare Antwort ist: ‚nein‘. Die Zeit, die wirklich frei ist – auch nicht mit Freizeitaktivität verplant ist – waren es in der von uns befragten Gruppe weniger als vier Stunden für eine ganze Woche. Das ist wie bei einem Manager. Das ist für das Gehirn nicht ganz unkompliziert."

Prof. Florian Heinen

Migräne als Signal

Migräne ist ein Signal des Körpers. Sie unterbricht den täglichen Ablauf, wenn man in Überlastungssituationen gerät. In den letzten Jahren nimmt die Zahl der Kinder, die unter Migräne leiden, zu.

"Da ich nicht glaube, dass immer mehr Kinder mit einer Veranlagung für Migräne auf die Welt kommen, muss es wohl an den Lebensumständen liegen, vor allem, weil das Leben heutzutage alles andere als kindgerecht ist."

Hanne Seemann, Autorin des Buches 'Kopfschmerzkinder'

Genetische Disposition

Grundlage für eine Migräne ist eine genetische Disposition. Das zeigt auch das gehäufte Auftreten der Erkrankung in einzelnen Familien. Ob eine Migräne tatsächlich ausbricht, hängt aber, meint Autorin Hanne Seemann, noch von vielen anderen Faktoren ab und ist kein unabwendbares Schicksal. Dass es hier nicht allein um Genetik geht, zeigt auch der Umstand, dass mit dem Alter der Anteil der betroffenen Frauen steigt, während unter Kindern die Zahlen bei Jungen und Mädchen in etwa gleich sind.

Erwartungen des Umfeldes

Ein Grund, dass Kinder immer häufiger Migräneanfälle bekommen, könnte auch der wachsende Erwartungsdruck in allen Lebensbereichen - von Elternhaus bis Schule - sein. Gleichzeitig sind die Betroffenen selbst oft große Perfektionisten.

"Gerade den Jungen wird es, vor allem in der Schule, schwer gemacht, sich regelmäßig richtig auszutoben. Dadurch entsteht eine innere Anspannung, die Migräneanfälle begünstigen kann."

Hanne Seemann

Lehrer unterschätzen Migräne

Da man einem Betroffenen in der Regel nicht ansieht, wie sehr er unter seiner Migräne leidet, unterschätzen Außenstehende wie z.B. Lehrer, die nicht gerade eigene Erfahrungen mit dem Thema haben, häufig die Situation, wenn ein Anfall kommt. Manche unterstellen ihren Schülern dann, sie wollten sich nur vor etwas drücken.


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