Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Von Zellen zu Metastasen Krebs ist eine Krankheit der Gene

Erkrankt ein Mensch an Krebs, hat sich die Erbsubstanz einzelner Zellen verändert. Krebs ist also eine Erkrankung der Gene.

Stand: 01.02.2017

An der Metastasierung der Zellen wird fleißig geforscht. Im Bild: Forschungsstelle an der Universitätsklinik Rostock. | Bild: picture-alliance/dpa

Im menschlichen Körper teilen sich jeden Tag Millionen von Zellen. Bei so vielen Teilungsprozessen geschehen auch häufig fehlerhafte Veränderungen. Der Körper hat jedoch Kontrollmechanismen, um diese Fehler zu erkennen und auszuschalten. Wenn also eine bösartige Zelle entsteht, ist der Körper in der Regel in der Lage diese kranke Zelle mittels seiner Immunabwehr zu erkennen und abzutöten. Anderenfalls würden alle Menschen bereits in ganz jungen Jahren an Krebs erkranken.

"Mittlerweile verstehen wir besser, was einen Krebs dazu bringt, sich als Krebs zu entwickeln. Damit ein Krebs überhaupt entsteht, muss er in der Lage sein, das Immunsystem irgendwie zu umgehen. Und wir wissen, dass es bei vielen Krebskrankheiten so ist, dass sie sich praktisch unkenntlich machen für das Immunsystem oder dass sie das Immunsystem sozusagen blockieren."

Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann

Eine Frage des Alters

Krebs ist überwiegend eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Das mittlere Erkrankungsalter liegt laut Zentrum für Krebsregisterdaten bei 69 Jahren. Der Zusammenhang zwischen Lebensalter und Krebs lässt vermuten, dass die Kontroll- und Abwehrmechanismen des Körpers irgendwann erschöpft sind. Mit fortschreitendem Lebensalter entkommen deshalb immer mehr Krebszellen, also Zellen deren Bauplan aus den Fugen geraten ist, den Kontrollmechanismen und können sich dann vermehren. Auf diese Weise entsteht ein Tumor. Erst dann spricht man von Krebs.

Die Metastasenbildung in fünf Schritten:

1. Eine entgleiste Zelle trickst den Kontrollmechanismus des Körpers aus und vermehrt sich. Diese Krebszellen zerstören das Gewebe in ihrer Umgebung.

2. Die Krebszellen finden Anschluss an die großen Strombahnen im Körper - entweder an das Lymph- oder das Blutsystem. So können sie sich im Körper verteilen.

3. Die Krebszellen (zum Beispiel aus dem Darm) siedeln sich an einem anderen Ort im Körper an (zum Beispiel in der Lunge).

4. Die Krebszellen wachsen in das fremde Organgewebe hinein: Sie müssen dort erneut Barrieren überwinden, um zum Beispiel als Darmzelle in das fremde Lungengewebe eindringen zu können.

5. Die Krebszellen fangen im fremden Organ an zu wachsen. Eine defekte Zelle, die ursprünglich zum Beispiel aus dem Darm stammt und deshalb nach wie vor den Bauplan einer defekten Darmzelle hat, vermehrt sich nun in der Lunge weiter. Sie behält auch im Lungengewebe die Eigenschaften ihres Ursprungstumors.

Viele Angreifer - wenige Treffer

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass viele Zellen von einem Ursprungstumor über das Blut- oder Lymphsystem abschwimmen, aber nur ganz wenige tatsächlich in das fremde Gewebe eindringen und sich dort vermehren können. Die Gründe dafür sind noch nicht bekannt.

"Experimentelle Befunde legen die These nahe, dass bestimmte bösartige Zellen auf ihrer Oberfläche eine Art Andockstellen haben, die dann an entsprechende Andockstellen in anderen Organen passen. Zum Beispiel Andockstellen einer bösartigen Darmzelle, die auf Gefäßzellen in der Lunge passen."

Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann

Wo weniger Metastasen entstehen

"Krebszellen können überall dort im Körper anwachsen, wohin sie durch das Blut oder die Lymphe gespült werden. Grundsätzlich können sich also in allen Gewebearten Metastasen bilden. Allerdings gibt es einige Organe, in denen sehr selten Metastasen entstehen. Dazu zählt an erster Stelle das Herz - vermutlich, weil dort das Blut so schnell durchfließt, dass die Krebszellen gar nicht andocken können. Sehr selten sind Metastasen auch in der Milz."

Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann

Schnell wachsende Krebsarten

Die Frage, wohin die Krebszellen Tochtergeschwülste aussenden, hängt vor allem davon ab, ob sie als erstes Anschluss an Blutgefässe oder an das Lymphgefäßsystem bekommen.

"Der Dickdarmkrebs zum Beispiel breitet sich zunächst überwiegend über das Lymphsystem aus. Deshalb sind in der Regel die ersten Tochtergeschwülste in der Leber zu suchen. Der Nierenkrebs dagegen breitet sich über die Blutbahn aus und so ist die erste Metastasenstelle in der Regel die Lunge."

Prof. Wolfgang Hiddemann


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