Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Wird das Gesundheitssystem unbezahlbar?

Von: Nikolaus Nützel

Stand: 26.03.2015

Behandlung ohne Ende: Wie viel kann unser Gesundheitssystem leisten? Im Bild: Älterer Mann beim Arzt | Bild: colourbox.com

„Wir werden immer älter und deswegen wird die Gesundheitsversorgung immer teurer“, dieser Satz ist oft zu hören. Doch unter Fachleuten gilt es keineswegs als ausgemacht, dass eine höhere Lebenserwartung das Gesundheitssystem gefährdet.

Statistik

Daten des Statistischen Bundesamtes scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen:

  • Die Krankheitskosten, die Menschen in der Altersgruppe zwischen 65 und 84 Jahren verursachen, sind fast fünfmal höher als die durchschnittlichen Gesundheitskosten aller Einwohner in Deutschland.
  • Gleichzeitig haben Frauen, die heute 65 Jahre alt sind, im Schnitt noch fast 21 Jahre Lebenszeit vor sich – vor 50 Jahren lag diese sogenannte „weitere Lebenserwartung“ um rund sechs Jahre niedriger.


Daher scheint klar: Weil es mehr alte Menschen gibt, steigen die Gesundheitsausgaben unausweichlich.

Kostenexplosion?

Mit dieser Begründung warnen viele Gesundheitsökonomen schon seit Jahrzehnten vor einer „Kostenexplosion“. Der Professor für Statistik Walter Krämer etwa rechnete im Jahr 1983 vor, dass „im Jahr 2019 das gesamte Bruttosozialprodukt durch die Gesundheitsausgaben ausgeschöpft sein wird“.

Kostenlage der Gegenwart

Heute, wo das Jahr 2019 in Sichtweite liegt, ist Deutschland von diesem Horrorszenario allerdings weit entfernt. Ein Grund dafür, dass solche Prophezeiungen nicht eingetreten sind, liegt darin, dass die Politik zahlreiche Sparmaßnahmen ergriffen hat. Nach Ansicht etlicher Wissenschaftler ist aber auch die Gleichung „mehr Ältere = höhere Kosten“ so nicht richtig. Denn die rund sechs zusätzlichen Lebensjahre, die alleine seit dem Jahr 1965 für den Durchschnitts-Deutschen dazugekommen sind, sind nicht automatisch sechs zusätzliche Jahre mit vielen teuren Krankheiten. Vielmehr hat sich gezeigt: Die höchsten Behandlungskosten fallen im letzten Jahr vor dem Tod an. Dabei ist es nicht so wichtig, ob der Tod im Alter von 72 Jahren oder von 82 Jahren eintritt.

"Die Kostenexplosion ist eine Legende."

Gesundheitsökonomen Bernard Braun und Hartmut Reiners im Jahr 1999

Teurer Krankenhausaufenthalt

Scheitert unser Gesundheitssystem an den hohen Kosten der High-Tech-Medizin?

Zahlen über die Behandlungskosten in deutschen Krankenhäusern zeigen: Wenn ein Klinikaufenthalt den Tod eines Patienten nicht verhindern konnte, ist diese Behandlung im Schnitt um das Zweieinhalbfache teurer als bei Patienten, die nach einer erfolgreichen Behandlung entlassen werden. Die Erklärung dafür: Wenn es im Krankenhaus um Leben und Tod geht, wird meist ein besonders großer Aufwand betrieben. In der Fachwelt ist deshalb oft von der „Kompressionsthese“ die Rede. Sie besagt, dass der größte Teil der Krankheitskosten am Schluss des Lebens anfällt, sozusagen in zusammengepresster, also komprimierter Form.

Wo entstehen die Kosten wirklich?

Allerdings gibt es über die Behandlungskosten im Krankenhaus hinaus nur wenige Zahlen, mit denen sich prüfen lässt, ob die „Kompressionsthese“ zutrifft. So gibt es gleichzeitig als Gegenentwurf auch die „Medikalisierungsthese“. Sie besagt, dass viele Menschen ab einem gewissen Alter dauerhaft Medikamente und andere Behandlungen erhalten. Nach dieser These macht es sehr wohl einen Unterschied für die Gesundheitskosten, ob etwa ein Diabetespatient im Alter von 76 Jahren oder mit 82 Jahren stirbt. Denn je nachdem hat er sechs Jahre länger oder weniger lang Arzneien und andere medizinische Leistungen erhalten, die von den Krankenversicherern bezahlt werden mussten.

Statistik

Und Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen tatsächlich: Die Ausgaben beispielsweise für eine Diabetesbehandlung liegen in der Altersgruppe von 65 bis 85 Jahre doppelt so hoch wie bei den 45- bis 65-Jährigen. Bei der Demenz ist der Anstieg der durchschnittlichen Behandlungskosten mit dem Durchschnittsalter noch weit drastischer.

"Die Kostenexplosion steht noch bevor."

Prof. Friedrich Breyer von der Uni Konstanz im Jahr 2004

Blick in die Zukunft

Ist es für unser Gesundheitssystem wirklich egal, wie alt wir werden?

Welche der beiden Thesen die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte besser vorhersagt, ist unter Gesundheitsökonomen umstritten. Das Statistische Bundesamt stellt sich eher auf die Seite der „Kompressionsthese“ und erwartet derzeit keinen explosionsartigen Anstieg der Gesundheitskosten. Die amtlichen Statistiker begründen diese Einschätzung damit, dass unterm Strich der größte Teil der Krankheitskosten eben in den letzten Monaten und Jahren vor dem Tod anfällt, unabhängig davon, wann der Tod eintritt. Allerdings weisen die Statistiker gleichzeitig darauf hin, dass es andere Entwicklungen gibt, die die immer höhere Lebenserwartung zu einem Kostenproblem machen: Mit einem steigenden Alter wächst der Aufwand für Pflege beträchtlich.

Problem: Immer weniger Geld

Und der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die im erwerbsfähigen Alter sind, wird in den nächsten Jahren immer weiter sinken. Die Erwerbstätigen müssen jedoch mit ihren Beiträgen zu einem überwiegenden Anteil die Krankenversicherungen finanzieren - das gilt für die gesetzlichen Kassen genauso wie für die Privatversicherer. Das heißt: Auch wenn die Krankheitskosten nicht so rasant steigen, wie es lange Zeit befürchtet wurde, so werden sich doch die Ausgaben auf immer weniger finanzstarke Schultern verteilen.


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