Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Schwerhörigkeit Was sind Hörstörungen?

Unter Schwerhörigkeit versteht man eine Verminderung der Hörfähigkeit im weitesten Sinne, beginnend bei subjektiv kaum empfundenen Hörstörungen bis hin zur Gehörlosigkeit. Nach epidemiologischen Studien (Deutsches Ärzteblatt) liegt die Prävalenz behandlungsbedürftiger Hörstörungen in Deutschland bei etwa 19 Prozent. D.h. fast jeder fünfte der Untersuchten hatte eine angehende oder bereits fortgeschrittene Hörstörung.

Von: Beate Beheim-Schwarzbach

Stand: 26.04.2017

Hörschäden können in jedem Alter auftreten. | Bild: picture-alliance/dpa

Schlecht zu hören kann in einer Zeit wachsender Informationsflut eine große Hürde sein. Egal, ob die Einschränkung schwerer ausgeprägt ist oder ob nur eine leichte Schwerhörigkeit besteht, in jedem Fall resultiert daraus eine Beeinträchtigung, die von der Umwelt nicht sofort wahrgenommen wird. Wer schlecht hört, hat das Gefühl, sein Gegenüber nuschelt oder wendet sich vermeintlich beim Reden in die andere Richtung. Oder er hat Schwierigkeiten, Sprache in lauter Umgebung zu verstehen. Ebenso spielt die Psyche eine Rolle, denn das, was wir hören, löst Gefühle aus („Aufgehen in der Musik“) und aktiviert über zahlreiche zentrale Vernetzungen unsere körperlichen und seelischen Vorgänge.

Eingeschränkte Lebensqualität

So können selbst geringe Hörstörungen in einer Welt des immer schneller werdenden Informationsaustausches zum Nachteil werden. Denn wer dem hörsprachlichen Austausch nicht mehr schnell genug folgen kann, läuft Gefahr, sowohl beruflich als auch familiär isoliert zu werden. Wer dauerhaft schlecht hört, wird mit zunehmender Schwerhörigkeit isoliert und vereinsamt sogar oft, denn die sozialen Kontakte bröckeln. Außerdem verlernt das Gehirn, mit den akustischen Reizen umzugehen. Wer zehn Jahre und länger mit dem Gang zum HNO-Arzt wartet, bis er sich für eine Versorgung mit einer Hörhilfe entscheidet, der muss erst langsam wieder lernen, die ungewohnten, in Vergessenheit geratenen Höreindrücke und die damit verbundenen Informationen zu verarbeiten.

Anatomie des Ohres

Beim Hörvorgang geht es um den Empfang und um die Verarbeitung von Schallwellen.

Das Ohr besteht aus Außen-, Mittel- und Innenohr. Trifft eine Schallwelle über die Ohrmuschel und den Gehörgang (Außenohr) auf das Trommelfell, dann beginnt dieses zu schwingen. Diese Schwingungen werden im Mittelohr über die drei Knöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel zum Innenohr weitergeleitet.

"Der Steigbügel selbst koppelt die Schallschwingungen am runden Fenster wie ein Stempel, der in die Flüssigkeit der Cochlea (Hörschnecke) drückt, in das Innenohr ein. Dort wird die mechanische Schallschwingung in eine elektrische Erregung des Hörnervs umgewandelt, und anschließend über den Hörnerv ins Gehirn geleitet, wo die Hörempfindung als Geräusch, Sprache, oder Musik bewusst wird."

Prof. Joachim Müller

Das Ohr – ein präzises Organ

Im Mittelohr wird die Schallenergie vom Trommelfell aufgenommen und über den Hammergriff und die Ossikel (kleine Knochenstücke) zum ovalen Fenster weitergeleitet. Dabei überträgt das Mittelohr akustische Informationen über einen breiten Dynamikbereich mit hoher Genauigkeit.

"An der Hörschwelle liegen die akustisch bedingten Auslenkungen der Ossikel nur wenig oberhalb der Größenordnung der Braun‘schen Molekularbewegung."

Prof. Joachim Müller

Generell erfasst das gesunde Ohr einen weiten Lautstärkebereich, von sehr leisen Geräuschen wie Blätterrauschen (5 -10 db) bis zu extrem lauten z.B. eines Düsenflugzeugs (130 - 140 db). Dabei kann das gesunde Ohr sinnvolle Geräusche bei Hintergrundlärm, auch bei hohen Lautstärken herausfiltern, so dass man beispielsweise trotz Hintergrundmusik noch in der Lage ist, sich zu unterhalten.

Hörschäden

Je nach Ort der Störung können Hörschäden eingeteilt werden in:

  • Schallleitungsschwerhörigkeiten
  • Schallempfindungsschwerhörigkeiten
  • Schallverarbeitungsschwerhörigkeit
  • Kombinierte Schwerhörigkeiten

Bei der ersten Gruppe wird der Schall nicht oder nur eingeschränkt weiter geleitet, die Schallempfindungsschwerhörigkeit dagegen hat ihre Ursache im Innenohr oder im Hörnerv. Bei einer Schallverarbeitungsschwerhörigkeit ist die Weiterverarbeitung in der Hörbahn oder die Wahrnehmung gestört. Für den Betroffenen ist aus dem Symptom der erlebten Hörstörung meist nicht ableitbar, wo die Ursache der Hörstörung lokalisiert ist und ob sie relativ banal (“Ohrschmalzpfropf“) oder ernsthafter Natur ist, wie zum Beispiel bei einem Hörsturz.

Tonschwellenaudiogramm

Um herauszufinden, welche Art von Einbußen jemand hat, stehen verschiedene Tests zur Verfügung, die z.B. das Ton-Hörvermögen von den tiefen bis zu den hohen Frequenzen und im sog. Sprachaudiogramm die Verständlichkeit von dargebotenen Worten überprüfen. Ergänzend werden Methoden der so genannten objektiven audiologischen Diagnostik angewandt, bei denen, unabhängig von der Mitarbeit des Patienten, z.B. Reflexe der Mittelohrmuskeln oder elektrophysiologisch die Leitfähigkeit des Hörnervs gemessen werden.

Einteilung der Schwerhörigkeit

Der Grad der Schwerhörigkeit wird fünf Gruppen eingeteilt:

  • Gruppe 0 - normalhörig
  • Gruppe 1 - geringgradige Schwerhörigkeit
  • Gruppe 2 - mittelgradige Schwerhörigkeit
  • Gruppe 3 - hochgradige Schwerhörigkeit
  • Gruppe 4 - Hörreste oder Taubheit

Der klinische Befund reicht von keinen oder nur leichten Problemen bei der Kommunikation (Gruppe 0) bis zu keinerlei Sprachverständnis bei maximaler Lautstärke (Gruppe 4).

Neugeborenen-Hörscreening

Derzeit nehmen alle Neugeborenen in Deutschland an den ersten Lebenstagen am Hörscreening teil, jedenfalls dann, wenn sie in einer Geburtsklinik zur Welt kommen. Dabei wird dem Neugeborenen auf dem zu untersuchenden Ohr ein Schallsignal angeboten und anschließend entweder

  • die so genannten otoakustischen Emissionen gemessen, das sind Töne, die das Ohr auf den Schallreiz hin abgibt. Oder es werden
  • durch den Schall induzierte Hirnstammantworten gemessen (Screening BERA) – vergleichbar wie bei einem EEG.

Hören und Sprechen

Eine möglichst frühe Untersuchung des Hörvermögens Neugeborener ist wichtig, da vielen Eltern nicht klar ist, dass Kinder nur sprechen lernen, wenn sie auch gut hören können. Mit einer Hörstörung können nicht nur Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb einhergehen, sondern auch vielfältige Aspekte der generellen Entwicklung beeinflusst werden.

"Wichtige Kommunikationswege in unserer Gesellschaft beruhen nun mal auf Sprache. Erkennt man die Hörstörung frühzeitig, dann können spezialisierte Pädaudiologen die Kinder schon in den ersten Lebensmonaten mit Hörhilfen (Hörgeräten oder Cochlea Implantaten, wenn diese auf Grund einer stärkeren Hörstörung notwendig würden) versorgen, so dass einer drohenden, Beeinträchtigung der Hör-Sprachentwicklung frühzeitig in den wichtigen biologischen Phasen der Entwicklung entgegengewirkt werden kann. Leider sind die biologischen Zeitfenster begrenzt, so dass ein gewisser Zeitdruck, insbesondere bei hochgradigen Hörstörungen besteht. Insofern ist das Neugebornenhörscreening äußerst wichtig."

Prof. Joachim Müller


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