Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Die Schwierigkeit, Balance zu halten

Von: Kathrin Hasselbeck

Stand: 28.02.2017

Wenn der Gleichgewichssinn aus den Fugen gerät, kann das fatale Folgen haben - im Bild: Kindergartenkinder auf dem Schwebebalken zur Sensibilisierung ihres Gleichgewichtssinns. | Bild: picture-alliance/dpa

Der Gleichgewichtssinn gehört zu den ältesten Sinnen überhaupt, schon bei urzeitlichen Würmern, bei Fossilien oder Meeresbewohnern ist er zu finden. Und er hat sich seitdem nicht einmal sehr verändert: Die Bogengänge, drei miteinander verwachsene und mit Flüssigkeit gefüllte Ringe, haben schon Dinosaurier in Balance gehalten. Durch das Gleichgewichtsorgan können wir uns orientieren, wir können Beschleunigung und Drehbewegungen wahrnehmen und so verarbeiten, dass uns nicht ständig schwindlig wird.

Sitz: Im Innenohr

Experte:

Prof. Dr. Thomas Brandt, Neurowissenschaftler am Deutschen Zentrum für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen im Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Gleichgewichtsorgan sitzt im Innenohr. Im sogenannten Felsenbein liegt das Labyrinth. Darin findet man zum einen die Hörschnecke – sie dient dem Hörsinn. Außerdem, und daraus setzt sich der Gleichgewichtssinn zusammen, sind dort die drei Bogengänge, sowie die Otolithen, kleinste Körnchen aus Kalk, die sich auf Sinneshaaren frei und schwerkraftgesteuert bewegen. Beide Bestandteile liefern ihren Beitrag zur Orientierung im dreidimensionalen Raum.

Gekoppelt an das Ohr

Das Gleichgewichtsorgan sitzt im Innenohr, obwohl es nichts mit dem Gehörsinn zu tun hat. Im Gegenteil – eher noch arbeitet es mit den Augen zusammen.

Ruhige Lage

Das Gleichgewichtssystem liegt im Innenohr - klicken Sie hier, um das Bild zu vergrrößern und mehr zu erfahren.

Wichtig für den Gleichgewichtssinn ist eine stabile, unbewegte Umgebung. Das könnten die sich ständig in Bewegung befindlichen Augen nicht bieten. Eher schon das Innere der Ohren – ein knöchernes Labyrinth. Dass das Gleichgewicht im Ohr reguliert wird, liegt vermutlich daran, dass die Otolithen früher einmal auch eine Funktion beim Hören erfüllten. Inzwischen aber sind Gehör- und Gleichgewichtssinn zwei getrennte Bereiche.

Kleine Anatomiekunde

Der äußere Gehörgang führt von beiden Ohrmuscheln jeweils in den Kopf hinein auf das Trommelfell zu. Dahinter liegen die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel und schließlich die Schnecke, mit der man hört. Über dieser Schnecke befinden sich die Otolithen und die Bogengänge – das Gleichgewichtssystem.

Die Bogengänge – Alles dreht sich?

Die drei Bogengänge sehen aus wie drei Schleifen aus kleinen, mit Flüssigkeit gefüllten Röhrchen.

  • Eine der Schleifen ist horizontal ausgerichtet – sie ist für horizontale Bewegungen zuständig, beispielsweise Kopfschütteln für „nein“.
  • Die anderen beiden Schleifen sind vertikal, leicht schräg angeordnet. Sie werden aktiviert, wenn man den Kopf rollt, also seitwärts nickt oder „ja“ nickt.

In den Bogengängen befinden sich kleine Sinneshaare und eine Flüssigkeit. Je nachdem, wie sich die Flüssigkeit bewegt, leiten die Sinneshaare Informationen weiter – und lösen gegebenenfalls Schwindel aus.

Warum nicht jede Drehung schwindlig macht?

Das liegt an der Trägheit der Flüssigkeit. Wird ein Glas mit Wasser gedreht, dreht sich das Wasser selbst nicht mit – oder nur sehr viel langsamer. Und so läuft es auch in den Bogengängen.

Otolithen – Tanz auf dem Besen

Otolithen sind kleinste Kalkkristalle, die auf Sinneshaaren liegen. Deshalb hängt ihre Bewegung von der Schwerkraft ab – sie schieben dorthin, wohin sich der Kopf kippt.

"Otoliten sind wie Mörtelbröckchen auf Besenhaaren. Wenn sich der Besen neigt, dann schiebt der Mörtel zur Seite und drückt an dieser Stelle die Besenhaare nach unten. Im Kopf sind diese Besenhaare Sinneszellen – und die signalisieren dann: Der Kopf wird geneigt, nach hinten, vorne oder schräg."

Prof. Dr. Thomas Brandt

Wozu braucht man den Gleichgewichtssinn?

Der Gleichgewichtssinn dient dazu, dass man die Umwelt stabil wahrnehmen kann – dass nicht immer alles wackelt, wenn man in Bewegung ist. Würde man nur liegen oder sitzen, käme man auch ohne das Organ aus. Sind aber beide Gleichgewichtssysteme im Kopf, also das linke und das rechte, beschädigt, dann kann der Blick nicht mehr stabil gehalten werden, die Umwelt wackelt.

Experiment

Halten Sie sich ein Auge mit einer Hand zu. Legen Sie den Zeigefinger der anderen Hand unter das noch sehende Auge und ruckeln Sie daran. Dann wackelt das ganze Sichtfeld. So nimmt jemand mit beidseitig ausgefallenem Gleichgewichtssinn die Umwelt wahr, wenn er zum Beispiel im Auto über eine unruhige Straße fährt.

"Wenn nur ein Labyrinth im Kopf anlagebedingt oder beispielsweise als Folge einer Hirnhautentzündung ausfällt, kann ich immer noch gut das Gleichgewicht halten. Nur bei sehr raschen Kopfbewegungen würde ein kurzer Schwindel auftreten."

Prof. Dr. Thomas Brandt.

Dem Text liegt ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Brandt, Neurowissenschaftler am Deutschen Zentrum für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen im Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München, zugrunde.

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