Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Alltag mit einem autistischen Kind Lernprozesse für die Eltern

Die Therapie autistischer Kinder ist auch für die Eltern ein wichtiger Lernprozess. Sie müssen Wege finden, ihr Kind zu verstehen und seine Reaktionen besser einzuschätzen.

Stand: 04.07.2014

Der Alltag ist für Kinder mit Autismus oft schwierig zu bewältigen - im Bild: Therapeutin mit einem Patienten in der Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie Stadtroda | Bild: picture-alliance/dpa

Um das Kind im Kontakt zu erreichen, lernen die Eltern es herauszufordern und ihm neue Spiele beizubringen. Das ist nicht immer einfach, da autistische Kinder stark ihren Interessen folgen und mit ihrer eigenen Welt zufrieden scheinen. Hier können Ärzte und Therapeuten helfen: Sie versuchen den Eltern zudem zu vermitteln, dass Autismus nicht die Folge von Erziehungsfehlern ist, um Schuldgefühlen auf Seiten der Eltern vorzubeugen bzw. entgegenzuwirken.

Das Kind erreichen

Für Eltern autistischer Kinder ist es oft schwer, ihr Kind zu verstehen und es zu erreichen. Die betroffenen Kinder nehmen an den Alltagsabläufen der Eltern wenig teil und versuchen ihre Tätigkeiten nicht nachzuahmen. Auch dauert es oft lange, bis ein Kind lernt die Sprache zu verstehen oder bis es anfängt, aktiv Worte zur Verständigung einzusetzen. Das alles schränkt die Einflussmöglichkeiten von Eltern stark ein und macht es ihnen schwer, ihr Kind zur Selbständigkeit zu erziehen.

Wenn ein Kind keine Nähe möchte

Für Eltern ist es oft irritierend und schwer verständlich, wenn ihr autistisches Kind Nähe und Körperkontakt ablehnt, weil sie dieses Verhalten selbst als Zurückweisung empfinden.

"Diese Kinder können aber bestimmte soziale Verhaltensweisen durchaus erlernen. Manchmal sucht ein Kind erst nach Jahren plötzlich in einer Form körperliche Nähe, wie es das vorher noch nie getan hat. Es kommt etwa auf den Schoß der Mutter um zu kuscheln."

Dr. Friedrich Voigt, Psychologischer Leiter am Kinderzentrum München.

Kinder mit Spezialinteressen

Bei älteren Kindern mit Autismus ist es häufig so, dass sie Sprache zwar durchaus aufgreifen, aber nicht wirklich zur Kommunikation nutzen. Außerdem entwickeln ältere Kinder oft für Außenstehende eigenartig wirkende Spezialinteressen, etwa eine besondere Vorliebe für bestimmte Alltagsgegenstände oder für fest umschriebene Wissensbereiche. Das Kind versucht sich mit seinen Interessen über lange Zeiten des Tages zu beschäftigen.

Stereotypien und Spezialinteressen steuern

Ein weiteres Merkmal autistischer Kinder sind ungewöhnliche stereotype Verhaltensweisen, wie etwa das wiederkehrende „Wedeln“ mit den Händen oder das Drehen um sich selbst. Eltern haben aber durchaus Möglichkeiten, die Stereotypien und Spezialinteressen ihrer Kinder zu steuern.

Liebe zu Gegenständen

Hat ein Kind beispielsweise den Wunsch, einen bestimmten Gegenstand, von dem es fasziniert ist, überallhin mitzunehmen, können die Eltern dies nur in bestimmten Situationen erlauben. In einem weiteren Schritt könnte der echte Gegenstand etwa durch eine Spielzeug-Imitation und später durch ein Foto ersetzt werden.

Autistische Kinder in der Schule

In der Schule sind Autisten mit Spezialinteressen oder ungewöhnlichen Begabungen oft schwer zu integrieren. Stereotype Gewohnheiten lenken das Kind stark vom Lernen ab. Sie führen zudem zu sozialer Ablehnung durch gleichaltrige Kinder.

Die schulische Integration muss deshalb gut vorbereitet werden. Die Auswahl der Schule muss bei jedem Kind mit Autismus genau durchdacht werden. Oft ist es wichtig, eine kleine Klasse zu finden und den Lehrer in vielfältiger Weise zu unterstützen. Für eine Reihe von Kindern wird für eine begrenzte Zeit eine individuelle Schulbegleitung organisiert, die das autistische Kind beim Lernen unterstützt, in sozialen Situationen steuernd eingreift und den Kontakt zu anderen Kindern anbahnt. Wenn bei einem Kind erkennbar ist, dass es eine gute intellektuelle Begabung hat, ist der Besuch einer speziellen Förderschule nicht das primäre Ziel.

Buchtipp:

Ein Leben mit Autismus - Ein Blick hinter die Kulissen einer Ehe mit einem Autisten - im Bild: Das Cover zum Buch "Ich liebe einen Asperger", erschienen im Trias-Verlag 2014 | Bild: Trias Verlag

Corinna Fischer, Bob Fischer: "Ich liebe einen Asperger! Unsere Ehe, unsere Kinder – und das Asperger-Syndrom"
2014, Trias Verlag
192 S. , 9 Abb. , Broschiert
ISBN: 9783830468806

Autisten als Mobbingopfer

Da Autisten sich häufig – nach dem Eindruck ihres Umfeldes – sozial unangemessen verhalten und viele soziale Konventionen einfach nicht verstehen, werden sie oft Opfer von sozialen Angriffen und Mobbing. Diese Schwierigkeiten in der Anpassung an das Umfeld setzen sich in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter fort und erfordern ständige Unterstützung in sozialen Situationen.




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