Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Wechselwirkung von Medikamenten Welche Tabletten sich nicht vertragen

Zwei Wirkstoffe kann man so prüfen, dass man das Interaktionspotential, also die gegenseitige Beeinflussung überblickt.

Stand: 29.08.2016

Frau liest aufmerksam einen Beipackzettel eines Medikaments | Bild: colourbox.com

Bei mehr Wirkstoffen schleichen sich Grauzonen ein, d.h. man weiß nicht wirklich, wie sie gegenseitig die Wirkung verstärken, verändern oder abschwächen.

"Mir ist keine Studie bekannt, die die Wirkung von mehr als vier verschiedenen Wirkstoffen aufeinander erfasst hat."

Dr. Siegel, ehemals Geriatriezentrum Neuburg

Generelle Wechselwirkungen

Wechselwirkungen kommen immer dann zustande, wenn mehrere Arzneimittel nebeneinander genommen werden. Dann können sich die einzelnen Medikamente beeinflussen, so dass die Wirksamkeit entweder geringer oder stärker wird, Unverträglichkeiten ansteigen und die Nebenwirkungen sich addieren. Insgesamt potenzieren sich die möglichen Wechselwirkungen überproportional, je mehr Arzneimittel ein Patient einnimmt. Mitunter werden die Symptome der Neben- oder Wechselwirkungen nicht als solche erkannt, sondern es wird eine neue Krankheit diagnostiziert, an der der Patient angeblich erkrankt sei.

Verschriebene Medikamente und selbst gekaufte

Der Arzneimittelmarkt bietet heute verschriebene, also rezeptpflichtige Arzneimittel an und solche, die frei verkäuflich, aber keineswegs harmlos sind und die man ohne Rezept direkt in der Apotheke kaufen kann. Vor allem ältere Patienten nehmen oft Medikamente aus beiden Gruppen gleichzeitig.

"Der Arzneimittelmarkt ist derzeit pro Jahr etwa 1,55 Mrd Packungen schwer, jeder Bundesbürger kauft im Schnitt 20 Packungen Arzneimittel im Jahr. Doch fast die Hälfte, dieser Menge (45 Prozent) sind Mittel ohne Rezept. Wenn man dann nicht darauf achtet, dass dabei Wechselwirkungen entstehen, dann hat man ein großes Problem übersehen."

Prof. Gerd Glaeske, Arzneimittel-Experte an der Universität Bremen

Problem in der Praxis

Entscheidend ist, dass man die Interaktionen auch wirklich berücksichtigt. Das bedeutet zuerst einmal, dass der Arzt sie kennt. Die häufigste Wechselwirkung, die im Alter Probleme macht, ist etwas ganz banales: Es geht dabei um den Wasserhaushalt des Körpers.

Herz im trockenen Körper

Um eine optimale Behandlung zu erzielen, muss der Arzt die Wechselwirkung der Medikamente kennen.

Ein schwaches Herz führt dazu, dass das Blut nicht mehr richtig durch den Körper gepumpt werden kann.
Ist die rechte Herzhälfte schwach (Rechtsherz-Insuffizienz), so staut sich das Blut vor dem Herz, und aus den Venen tritt Flüssigkeit in das Gewebe aus: Der Patient leidet unter Wassereinlagerung in den Beinen, im schlimmsten Fall auch im Bauchraum. Ist vor allem die linke Herzhälfte schwach (Linksherz-Insuffizienz), so staut sich das Blut zurück in die Lunge – es kommt zu starker Atemnot (Lungenödem).

Tabletten gegen Wasser - und dann?

Normalerweise gibt man dann ein Medikament, das die Nierenfunktion anregt, um diese Wasseranreicherung zu entfernen. Wenn man die Wasserausscheidung aber beim älteren Menschen anregt, der sowieso zu wenig Flüssigkeit im Körper hat, dann erhöht man ganz schnell die Konzentration von Medikamenten, die der Herzschwache Mensch braucht, damit das Herz einigermaßen arbeitet. Wenn man ein Medikament gegen Wasserablagerungen gibt, müssen die anderen Medikamente (zum Beispiel Bluthochdruckmittel) entsprechend geringer dosiert werden. Wenn man die Dosierung beibehalten würde, würde die Konzentration steigen und der Blutdruck vermehrt gesenkt werden, womöglich bis dem Patienten schwindlig wird.

Studienlage zu Wechselwirkungen

Oft sind auch Medikamente verschiedener Hersteller für Wechselwirkungen verantwortlich, doch dafür gibt es keine systematische Forschung. Zumindest zeigt eine Studie aus einem englischen Alten- und Pflegeheim, dass ältere Menschen, die sechs bis acht Arzneimittel mit jeweils einem oder mehreren Wirkstoffen einnehmen, in 50 bis 80 Prozent der Fälle mit erheblichen Wechselwirkungen rechnen müssen.

Wechselwirkungs-Check (Interaktions-Check)

Viele Apotheken prüfen bereits bei ihren Stammkunden, wenn diese schriftlich eingewilligt haben, ob sich deren Medikamente gegenseitig verstärken, verringern oder sogar aufheben - zu diesem Zweck nutzen sie bestimmte Datenbanken. Außerdem fragen Apotheker immer öfter nach, ob Kunden zusätzlich noch andere Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel nehmen, für die sie kein Rezept vom Arzt haben, denn auch diese können die Wirkung der Arzneimittel beeinflussen.

Tipp: Nach Wechselwirkungen fragen

Der Arzt ist der erste Ansprechaprtner, aber natürlich kann man auch in der Apotheke beim Kauf oder Abholen von Medikamenten und anderen Mitteln nachfragen, ob Wechselwirkungen auftreten können und was man bei der Einnahme beachten sollte.

Medikationsplan

Seit Oktober 2016 haben Patienten, die gesetzlich krankenversichert sind und mehr als zwei Medikamente nehmen, ein Anrecht auf eine Liste ihrer Arzneimittel (vorerst in Papierform). Diesen bundeseinheitlichen Medikationsplan kann er dann auch in der Apotheke vorlegen. Kritiker wenden ein, dass frei verkäufliche Medikamente (wie z.B. Schlafmittel oder Tabletten wegen Verdauungsproblemen) nicht auf der Liste auftauchen müssen, wenn der Patient das aus Gründen des Datenschutzes nicht wünscht. Mögliche Wechselwirkungen werden dann allerdings nicht erkannt. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass nur eine Minderheit der Patienten einen Medikationsplan hat, und dass vor allem Fachärzte nicht automatisch die von ihnen verschriebenen Medikamente in die Liste eintragen. Noch ist also der Patient gefordert, die Ärzte anzuhalten, den Plan auch auf dem aktuellen Stand zu halten.

Medikamentenanalyse

Ab 2018 soll eine Medikamentenanalyse durchgeführt werden. Einige Apotheken bieten das schon jetzt gegen Honorar (ca. 70 €) an. Dabei analysieren Apotheker die Wechselwirkungen der individuellen Medikamente, die einem Patienten von verschiedenen Ärzten (z.B. des Orthopäden, des Augenarztes und des Internisten) verschrieben wurden. Dahinter steckt: Oft stehen diese Fachärzte untereinander nicht im Austausch und viele Patienten kaufen ihre Medikamente in unterschiedlichen Apotheken, so dass kein Arzt oder Apotheker den Überblick hat. Doch aus ärztlicher Sicht gibt es auch Kritik daran.

"Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient lebt von Vertrauen. Wenn ein Patient seine Medikamente in der Apotheke analysieren lässt und nicht den Arzt selbst fragt, ist das Vertrauensverhältnis bereits zerstört, nicht nur gestört, sondern zerstört."

Dr. Not-Rupprecht Siegel, ehemals Geriatriezentrum Neuburg

Tipps für Patienten

  • Sich selbst ehrlich eingestehen, was Probleme bereitet, wo es im Alltag gesundheitliche Einschränkungen gibt.
  • Auf eindeutigen Diagnosen bestehen.
  • Dem Arzt ehrlich erzählen, welche Medikamente man nimmt. Auch über Tabletten reden, für die man kein Rezept braucht wie z.B. Schmerzmittel.
  • Den Arzt fragen, ob er sich in Geriatrie fortgebildet hat, damit er die Besonderheiten bei der Therapie älterer Patienten auch wirklich kennt.

Wichtig: Immer mit dem Arzt sprechen

Medikamente nicht einfach selbst weglassen, sondern immer in Absprache mit dem Arzt reduzieren oder wechseln!


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