Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Nahrungsergänzungsmittel Vitaminpräparate als gesunde Ergänzung?

Multivitamintabletten, Algenpräparate, Karotinkapseln und Co. - der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt. Zu viele Vitamine können genauso ungesund sein wie ein Vitaminmangel und den Organismus stark belasten.

Stand: 21.07.2015

Tablettenröhrchen | Bild: Getty Images

Überschüssige wasserlösliche Vitamine werden zwar über den Urin ausgeschieden, müssen aber erst von Leber und Nieren verarbeitet werden. Wenn zu viele fettlösliche Vitamine aufgenommen werden, reichern sie sich im Körper an - zum Teil mit negativer Wirkung.

Nahrungsergänzungsmittel - eine Definition

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel, die in lebensmitteluntypischer Form wie Tabletten, Kapseln oder als Pulver angeboten werden. Unter diesem Begriff werden auch bestimmte Produkte zusammengefasst, die unsere Nahrung mit bestimmten Substanzen wie zum Beispiel Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen ergänzen und diese in der Regel in konzentrierter Form enthalten.

Vitamine über Nahrungsergänzungsmittel?

"Eine optimale Nährstoffversorgung an Spurenelementen, Vitaminen und Mineralstoffen ist ohne angereicherte Präparate möglich, betont Antje Gahl. Nahrungsergänzungsmittel sind für den gesunden Menschen nicht zwingend nötig und sind auch kein Ersatz für ein gesundheitsbewusstes Verhalten. Wer statt einer ausgewogenen Ernährung Nahrungsergänzungsmittel nimmt, wiegt sich vielleicht in einer trügerischen Sicherheit, er habe damit für seine Gesundheit genügend getan. Nahrungsergänzungsmittel schützen Gesunde nicht vor Krankheiten. Da hilft es auch nicht, sich zu sagen: Heute habe ich nichts gegessen, dann nehme ich einmal ein Vitamin-C-Präparat."

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Kritische Nährstoffversorgung

Durch ungünstige Lebensmittelauswahl oder gesundheitsbelastende Lebensbedingungen kann es allerdings zu einer unzureichenden Versorgung mit einigen Nährstoffen kommen. Eine unzureichende Versorgungssituation kommt u.a. bei Vitamin D, Vitamin B12, Eisen, Jod und dem Vitamin Folat vor. Hier kann eine Nahrungsergänzung dann sinnvoll sein.

Nahrungsergänzung für Risikogrupppen

Zu den Risikogruppen zählen beispielsweise die Schwangeren und Stillende, die aufgrund ihrer besonderen Situation einen erhöhten Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen haben. Zum Teil ist dieser über Lebensmittel zu decken. Insbesondere die Folsäure sollte aber bei Frauen im gebärfähigen Alter sowie bei Schwangeren mit entsprechenden Präparaten supplementiert werden. 

Vorsichtig sollten auch folgende Menschen sein

Weitere Risikogruppen sind ältere Menschen, starke Raucher und Menschen mit starkem Alkoholkonsum. Sie haben aufgrund ihrer Lebensumstände einen erhöhten Bedarf an einzelnen Vitaminen oder können Versorgungsprobleme bekommen, wenn sie nicht auf eine vollwertige Ernährung achten. Auch Kleinkinder und Säuglinge sollten entsprechende Vitamine zusätzlich bekommen, da dort die Versorgung über die Ernährung nicht gewährleistet ist. Auch Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes (z.B. Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) sowie Krebspatienten, die wenig zu sich nehmen oder die Nahrung nicht bei sich behalten können, zählen zu der Gruppe von Menschen, die möglicherweise einen Vitaminmangel erleiden können.

Wichtig:

Vitaminmangel ist bei normaler, ausgewogener Ernährung sehr selten. Wirklich heftige Ymptome treten in der Regel nur bei extremer Fehlernährung und/oder bei Angehörigen von Risikogruppen auf.

Künstliche oder natürliche Vitamine?

Ob man Vitamin C künstlich oder natürlich aufnimmt - Vitamin C ist Vitamin C. Von seiner chemischen Substanz und physiologischen Funktion her ist es dasselbe, und man kann es sowohl über Nahrungsergänzungsmittel als auch über Lebensmittel aufnehmen. Man weiß aber nicht genau, ob bei einem über die Nahrung aufgenommenen Vitamin nicht auch noch andere Stoffe - beispielsweise bestimmte Enzyme - mit aufgenommen werden, die zusätzliche gesundheitsfördernde Eigenschaften haben. In einem Nahrungsergänzungsmittel ist wirklich nur das reine Vitamin vorhanden.

Sind zu hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel gefährlich?

Nahrungsergänzungsmittel dürfen nicht extrem gesundheitsgefährdend sein. Sie fallen immer noch unter das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz, das heißt sie müssen der Ernährung oder dem Genuss dienen und dürfen nur Zutaten enthalten, die selbst Lebensmittel sind oder für deren Herstellung zugelassen sind.

"Es ist aber trotzdem so, dass Nahrungsergänzungsmittel zu den Lebensmitteln zählen und in der Verordnung über den Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen sowie bestimmten anderen Stoffen zu Lebensmitteln bisher keine verbindlichen Dosierungen bzw. Höchstmengen geregelt sind. Diese können daher in den einzelnen Nahrungsergänzungsmitteln sehr unterschiedlich sein."

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Zu viele Vitamine – mehr Arbeit für den Organismus

"Wer nach dem Gießkannenprinzip Vitaminpräparate nimmt, belastet seinen Körper zusätzlich. Denn der Körper muss die ganzen aufgenommenen Stoffe verarbeiten und wieder ausscheiden – eine Belastung vor allem für Nieren und Leber."

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Konkret bedeutet das:

  • Wenn man ein Multivitaminpräparat zu sich nimmt, in dem von Vitamin A, B, C und D bis hin zu Mineralstoffen und Spurenelementen alles enthalten ist, ist die Gesundheit nicht gefährdet.
  • Man nimmt aber auch zusätzlich über die Nahrung diese Vitamine auf und trinkt vielleicht auch noch Vitamin angereicherte Säfte. Dann können – insbesondere bei den im Körper speicherbaren fettlöslichen Vitaminen (zum Beispiel Vitamin A, Beta-Karotin) – die Überdosierungen problematisch werden.

"Wie jeden anderen Stoff auch kann man Vitamine überdosieren. Man spricht dann von einer 'Hypervitaminose'. Im Allgemeinen ist die Gefahr einer Überdosierung bei einer ausgewogenen Ernährungsweise allerdings sehr gering."

Prof. Yurdagül Zopf, Leiterin der Abteilung Ernährungsmedizin an der Universität Erlangen

Risikogruppe Raucher

"In verschiedenen Studien hat man festgestellt, dass insbesondere bei Rauchern hohe Dosierungen an Beta-Karotin zu gehäuften Erkrankungen (Lungenkrebs) und Todesfällen im Zusammenhang mit Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems geführt haben. Bei den wasserlöslichen Vitaminen kann es zu einer zusätzlichen, unnötigen Belastung der Organe kommen. Man kann beispielsweise Vitamin C in Grammdosen aufnehmen, ohne dass man als gesunder Mensch negative Wirkungen spüren würde, da der Körper alles Überschüssige über die Nieren ausscheidet."

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Von bunten Vitaminpillen lieber die Finger lassen?

Tabletten sollten nur dann zusätzlich eingenommen werden, wenn entweder ein Mangel nachgewiesen ist oder ein Mangel droht, weil Vitamine zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung nicht mehr ausreichend über natürliche Nahrungsmittel aufgenommen werden.

"Das riesige, unüberschaubare Angebot auf dem Markt ist ein Problem. Bei den Vitaminen- und Mineralstoffangeboten muss jeder selbst entscheiden, was er zu sich nehmen möchte. Bevor man unkontrolliert Präparate kauft und einnimmt, ist eine vorherige Absprache mit dem Arzt bzw. eine Untersuchung des allgemeinen Gesundheitszustands sinnvoll."

Antje Gahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung


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