Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Wird zu viel operiert? Über Sinn und Unsinn von Operationen

Der Patient sollte ein Vertrauensverhältnis zu seinem Operateur haben. Doch immer wieder stellt sich die Frage, ob der Arzt eine unnötige Operation ansetzt.

Stand: 18.07.2017

Chirurgen in einem OP-Saal während einer Hüftoperation | Bild: picture-alliance/dpa

Es ist auch wichtig, dass der Operateur ein komplettes Spektrum - sowohl operativ, aber auch konservativ - anbieten kann. Im Zweifelsfall sollte jedoch eine Zweitmeinung bei einem anderen Arzt/Operateur eingeholt werden.

"Das deutsche Gesundheitssystem ist meiner Meinung nach eines der Besten. Aufgrund des guten Zuganges zu diesem System bekommt jeder Patient - unabhängig vom Versicherungsstatus - jedwede medizinisch notwendige Versorgung. Dies ist nicht in allen Ländern so. Es wird in Deutschland viel operiert, ob jedoch zu viel operiert wird, ist eine komplexe Frage: Keinem Patienten wird ohne eine entsprechende Beschwerdesymptomatik zur Operation geraten und kein Patient wird sich ohne Leidensdruck für eine Operation entscheiden. Der Patient sollte gemeinsam mit dem Arzt seines Vertrauens ein realistisch erreichbares Ziel durch die Operation diskutieren."

Prof. Jansson, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation der Ludwig-Maximilians-Universität München

Wie viel verdient eine Klinik an einer Operation?

Bei der Versorgung mit einem Kunstgelenk handelt es sich um Pauschalen zwischen 6.000 und 7.500 Euro. Vergütet werden damit

  • der Krankenhausaufenthalt,
  • die Operation selbst,
  • das Operations- und Prothesen-Material und alles, was sonst noch dazugehört.

Vorerkrankungen des Patienten fließen nur gering in die Vergütung des Krankenhauses mit ein. Von ökonomischer Seite entsteht dadurch der Druck, den Krankenhausaufenthalt zu verkürzen und die Kosten für Prothesenmaterial etc. zu senken.

"Außerdem verleiten diese Pauschalen einige Kliniken dazu, sich nach Möglichkeit die eher leichten Fälle und damit die gewinnträchtigeren Patienten herauszusuchen, die die vorgegebenen Liegezeiten möglichst einhalten können. Somit verbleiben die Universitätskliniken als Anlaufpunkt für Patienten mit schwierigen operativen Verhältnissen oder schweren Nebenerkrankungen."

Prof. Jansson

Wer nicht operiert wird, muss heim

Nicht zuletzt aufgrund der geringeren Vergütung der konservativen Maßnahmen sind die meisten Krankenhäuser heute primär operativ ausgerichtet.

"Die in der Vergangenheit geübte Praxis, dass einige Häuser ihre Ärzte per Vertrag am Umsatz beteiligen - was natürlich grundsätzlich abzulehnen ist - dürfte hoffentlich heutzutage nicht mehr vorkommen."

Prof. Jansson

Wann ist eine OP denn nun sinnvoll?

Für einen Patienten ist es sehr schwer zu beurteilen, wann eine Operation tatsächlich sinnvoll ist. Zuerst einmal muss ein entsprechender Leidensdruck beim Betroffenen bestehen und alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sein. Nach ausführlicher Diagnostik muss ein realistisches Ziel durch eine Operation vertrauensvoll diskutiert werden.

"Ich würde jedem raten, sich im Zweifel vorher eine zweite Meinung einzuholen! Es lohnt sich immer, sich auch genauer anzusehen, ob man möglicherweise in einem Krankenhaus gelandet ist, das unter wirtschaftlichem Druck steht. In diesem Punkt sind große Kliniken wie Universitätskliniken meist eine gute Wahl."

Prof. Jansson

Das richtige Krankenhaus finden

Welches Krankenhaus führt regelmäßig die entsprechenden Operationen durch? Antworten finden Sie in der "Weissen Liste", einem Gesundheitsportal der Bertelsmann Stiftung, unterstützt von Dachverbänden der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen.


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