Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Gesundheitliche Risiken Wie gefährlich ist die E-Zigarette?

Die meisten Experten sind sich einig, dass die E-Zigarette gesundheitlich keineswegs unbedenklich ist. Bei der Einschätzung, wie gefährlich bzw. ungefährlich die E-Zigarette vor allem im Vergleich zur herkömmlichen Zigarette ist, gehen die Meinungen der Mediziner und Wissenschaftler weltweit allerdings stark auseinander.

Von: Sandra Weber

Stand: 03.05.2016

Mann raucht E-Zigarette | Bild: imago / imagebroker

In Deutschland kommt das Bundesinstitut für Risikobewertung zu dem Schluss: E-Zigaretten bergen ernstzunehmende gesundheitliche Risiken, sind aber für Raucher weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten. Denn: Studien zeigten, dass das Schadstoff-Niveau einer E-Zigarette mit Nikotin deutlich unter dem Niveau einer Tabak-Zigarette liegt. Das Deutsche Krebsforschungszentrum ist bei seiner Einschätzung zurückhaltender und erklärt: Das Bronchialgewebe eines Rauchers ist normalerweise bereits vorgeschädigt. Was mit diesem Bronchialgewebe passiere, wenn das Chemikaliengemisch einer E-Zigarette darauf trifft, sei medizinisch noch nicht ausreichend geklärt.

Hilft Dampfen beim Rauchen aufhören?

Noch ist nicht wirklich nachgewiesen, ob Rauchentwöhnung durch Dampfen funktioniert oder nicht. Natürlich schaffen es manche Raucher dank der E-Zigarette mit dem Rauchen aufzuhören. Eine große Anzahl an Rauchern allerdings raucht am Ende beides: herkömmliche Zigaretten und E-Zigaretten.

E-Zigarette als Einstiegsdroge?

Viele medizinische Fachgesellschaften und Organisationen in Deutschland warnen: E-Zigaretten könnten vor allem bei Jugendlichen als mögliches Einstiegsprodukt ins Rauchen dienen. Sie probieren am Anfang fruchtige Aromen, steigen dann auf nikotinhaltige E-Zigaretten um und später unter Umständen sogar auf normale Zigaretten.

Die gesundheitlichen Risiken

Ein Blick auf die Inhaltsstoffe zeigt: Die E-Zigarette enthält weniger schädliche Stoffe als eine normale Tabakzigarette. Doch heißt das tatsächlich Entwarnung? Die Antwort des Deutschen Krebsforschungszentrums und vieler anderer Fachgesellschaften lautet: Nein!

"Wenn wir die gesundheitlichen Folgen betrachten, so sieht es so aus, dass Propylenglykol Atemwegsirritationen auslösen kann, dass manche Aromastoffe auch als Kontaktallergene wirken, also allergische Reaktionen zur Folge haben können. Nikotin, das ist bekannt, macht abhängig, aber es fördert auch das Wachstum bestehender Tumore und steht im Verdacht, selbst Krebs zu erzeugen."

Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum

Der Verdacht: Wenn Propylengylkol inhaliert wird, können feine Flüssigkeitspartikel tief in die Lunge eindringen, sich dort ablagern und Entzündungsreaktionen auslösen. Als Kurzzeitfolgen des E-Zigarettenkonsums wurden bereits Atemwegsreizungen und trockener Husten, sowie eine eingeschränkte Lungenfunktion beobachtet. Darüber hinaus bereiten die Aromastoffe Ärzten und Wissenschaftlern Sorge. Laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum wurden in einer Studie 159 Liquids untersucht. In 74 Prozent lagen Aromastoffe in gesundheitsschädlicher Konzentration vor. So zum Beispiel Diacetyl, das beim Einatmen schwere Entzündungen in den Atemwegen verursachen kann. Und auch vor krebserzeugenden Stoffen warnen Mediziner.

"Auch bei nikotinfreien E-Shishas oder E-Zigaretten sind teilweise in hohen Konzentrationen krebserzeugende Stoffe enthalten. Wenn man Kräuter verbrennt, ist das fast das Gleiche, als würde man Tabak verbrennen. Denn alle organischen Substanzen gehen im Verbrennungsprozess sofort über in Formaldehyd, Acetaldehyd, Schwermetalle Blei und Arsen. Das ist die ganze Palette der wirklichen Killer."

Dr. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum

Krebserzeugende Stoffe wie Formaldehyd entstehen laut Dr. Martina Pötschke-Langer vor allem dann, wenn das Liquid zu stark erhitzt wird. Das sei vor allem bei den neuesten E-Zigaretten der Fall, denn diese haben eine größere Batteriespannung. Je stärker die Spannung, desto mehr Liquid pro Zug. Das heißt aber auch: desto höher ist die Schadstoffbelastung – selbst ohne Tabak. Dampfer halten dagegen: Solche Züge schmeckten sowieso nicht, denn der dadurch verursachte 'Kokel'- Geschmack sei ungenießbar, die Forschung bilde nicht die Praxis ab.

Die Befürworter der E-Zigarette

Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften in Graz zählt wohl zu den bekanntesten Befürwortern der E-Zigarette im deutschsprachigen Raum. Er ist der Meinung: Raucher sollten zum Umstieg auf E-Zigaretten motiviert werden, denn sie seien deutlich gesünder als herkömmliche Zigaretten. Laut seiner Meinung sind E-Zigaretten Genussmittel, in denen es keine Verbrennungsprodukte gibt, die für Erkrankungen wie Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall verantwortlich sind.

"Keine schädliche Wirkung"

Prof. Bernhard Michael-Mayer zufolge zeigen alle bisher vorliegenden Studien, dass die Konzentration von krebserzeugenden Carbonylverbindungen im Aerosol deutlich geringer ist als im Tabakrauch. Beim Thema Propylenglykol gibt er Entwarnung und argumentiert: Weil bei der Verdampfung eines Liquids keine Verbrennung stattfindet, entstehen somit auch keine festen Partikel, die sich in der Lunge ablagern und Entzündungsreaktionen hervorrufen können. Im Aerosol seien lediglich Flüssigkeitströpfchen enthalten, die sich nach der Inhalation auflösten. Von einer schädlichen Wirkung könne also nicht ausgegangen werden.

Die E-Zigarette international

Nicht nur in Deutschland streiten sich Wissenschaftler über die gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten. In Großbritannien hat sich erst kürzlich das Royal College of Physicians aus London in einem 200-Seiten-Report klar für die E-Zigarette ausgesprochen. E-Zigaretten böten die Chance, die Schäden des Rauchens für die Gesellschaft "radikal zu reduzieren", erklärt die britische Ärzteorganisation. Die Folgen eines Langzeitkonsums dürften kaum fünf Prozent jener Schäden erreichen, die das Rauchen von Tabak mit sich bringe. Die Untersuchungen, bei denen die Situation in Großbritannien im Fokus stand, hätten gezeigt, dass fast ausschließlich aktive oder ehemalige Raucher E-Zigaretten verwenden würden. Umfragen unter britischen Teenagern hätten ergeben, dass fast ausschließlich diejenigen E-Zigaretten dampfen, die bereits mit Tabak experimentiert hätten. Bereits im Sommer 2015 veröffentlichte der staatliche Gesundheitsdienst „Public Health England“ einen Bericht, in dem die E-Zigarette eindeutig als Alternative zur normalen Zigarette empfohlen wird. Die Wissenschaftler kommen in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass die elektronische Zigarette zu 95 Prozent harmloser sei als normale Zigaretten und dass sie die Raucherquote unter Erwachsenen und Jugendlichen drastisch reduzieren könne.

"While vaping may not be 100% safe, most of the chemicals causing smoking-related disease are absent and the chemicals which are present pose limited danger. It has been previously estimated that EC are around 95% safer than smoking. This appears to remain a reasonable estimate."

aus 'E-cigarettes: an evidence update', a report commissioned by Public Health England

Kurz nach der Veröffentlichung meldeten sich jedoch andere Wissenschaftler öffentlich zu Wort und gingen den Gesundheitsdienst wegen seiner offiziellen Entwarnung zur E-Zigarette scharf an. Martin McKee, Professor für Public Health in London, ist einer von ihnen. Er hält die E-Zigarette für durchaus riskant:

"Es gibt immer noch viele unbeantwortete Fragen bezüglich der langfristigen Auswirkungen eines E-Zigaretten Konsums. Was wir sagen können ist, dass sie nicht unbedenklich sind, und wenn wir uns die fehlenden Qualitätskontrollen anschauen: Manche könnten ziemlich gefährlich sein."

Martin McKee, London School of Hygiene & Tropical Medicine


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