Bayern 2 - Gesundheitsgespräch


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Ursachen, Abgrenzung und Symptome Wie kommt es zu einer Anpassungsstörung?

Auslöser einer Anpassungsstörung ist in der Regel ein mittelschweres negatives Lebensereignis, in dessen Folge innerhalb von etwa vier Wochen psychische und physische Symptome auftreten, die dann in der Regel nach sechs Monaten wieder vorbei gehen.

Von: Holger Kiesel

Stand: 03.07.2017

Oft Ursache für eine Anpassungsstörung: Verzweifelter Mann trauert an einem Grabstein. | Bild: picture-alliance/dpa

Für die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern ist wichtig: Das auslösende Ereignis darf nicht 'katastrophal' sein (sonst handelt es sich vermutlich um eine Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS), aber auch nicht zu geringfügig, dann geht es nicht um eine wirkliche Krankheit.

Typische Ursachen einer Anpassungsstörung

Die Ursache einer Anpassungsstörung findet sich im direkten Umfeld des Betroffenen. Denkbar sind Auslöser im privaten Bereich (Todesfall, Trennung, problematische Übergänge in neue Lebensphasen wie etwa Ablösung vom Elternhaus oder Eintritt in die Rentenphase) genauso wie Veränderungen im beruflichen Umfeld (Versetzung, neuer Chef usw.). Auch einschneidende medizinische Diagnosen wie etwa eine Krebserkrankung oder der abrupte Wechsel in eine fremde Kultur (z.B. bei Flüchtlingen) können Anpassungsstörungen verursachen.

Abgrenzung zum Burnout

Mit dem Burnout, der ja nicht als eigene medizinische Diagnose anerkannt ist, zeigt die Anpassungsstörung einige Ähnlichkeiten. Burnout ist aber eher ein Ausnahmezustand bei dauerhafter Überlastung und nicht so sehr die Reaktion auf ein einzelnes Ereignis.

Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern

Die Besonderheit der Anpassungsstörung ist die ganz offensichtliche Verknüpfung mit einer klar benennbaren Ursache. Bei anderen Krankheitsbildern wie etwa der Depression können die Symptome durchaus auch einmal 'grundlos' oder sogar zunächst unerklärlich auftreten. Und dann sind die Beschwerden bei der Anpassungsstörung meist nicht so klar umschrieben und heftig wie z. B. bei Panikattacken.

"Die Betroffenen wissen in der Regel ziemlich genau, warum sie unter ihren Symptomen leiden. Nämlich zum Beispiel seit der Partner krank ist, das jüngste Kind das Haus verlassen hat oder seit einer schwerwiegenden medizinischen Diagnose."

Prof. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald.

Hospitalismus als schwere Anpassungsstörung

'Hospitalismus' kann nach den Diagnose-Richtlinien als schwere, dauerhafte Form einer Anpassungsstörung betrachtet werden. Er tritt bei Kindern auf, die unter extremen Umständen aufwachsen, etwa weil sie über lange Zeit vernachlässigt werden oder insgesamt nicht in einer kindgerechten Umgebung leben. Leider können hier bleibende Schäden im Gehirn entstehen, aber wenn man frühzeitig interveniert, lässt auch wieder viel 'gut machen'.

Symptome einer Anpassungsstörung

Die Symptomatik einer Anpassungsstörung lässt sich in drei Kategorien unterteilen:

  • psychische Symptome in Form von Sorgen, Ängsten oder erhöhtem Konsum von potenziellen Suchtmitteln
  • körperliche Symptome, etwa Rückenschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Verdauungsprobleme, bei Kindern auch Einnässen
  • soziale Symptome, z.B. Verhaltensänderungen, Rückzug, bei jungen Patienten auch aggressives Verhalten

Suizidgedanken

Manche Patienten mit einer Anpassungsstörung leiden darunter, dass sie plötzlich Selbstmordgedanken haben, obwohl sie sich niemals das Leben nehmen würden. Die Betroffenen haben dann das Gefühl, ihrem Umfeld zur Last zu fallen. Andere entwickeln durchaus auch Gewaltphantasien, die gar nicht ihrem Naturell entsprechen und die sie auch niemals umsetzen würden. Wichtig: Solche Gefühle können bei einer Anpassungsstörung einfach vorkommen, dafür muss sich niemand schämen. Wenn sie z.B. in der Therapie offen angesprochen werden, verschwinden diese Gedanken rasch wieder.


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