Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Elmar Gruber Gedanken zum Tag

Meistens wird Verzeihen missverstanden als Ignorieren der Schuld. Das ist Schuldverdrängung, aber nicht Schuldüberwindung.

Stand: 29.04.2021

29 April

Donnerstag, 29. April 2021

Meistens wird Verzeihen missverstanden als Ignorieren der Schuld. Das ist Schuldverdrängung, aber nicht Schuldüberwindung. Viele begnügen sich mit der Straflosigkeit und werden gar nicht mehr inne, dass sie Schuld haben, und dass ihnen Schuld geschenkt wird. ("Verzeihen" kommt von "zeihen", und "zeihen" kommt von "zeigen".) Beim Verzeihen wird Schuld nicht ignoriert, sondern im vollen Umfang anerkannt und angenommen: Schuldig sein dürfen ohne Angst! Verzeihen kann sowohl was das Schenken als auch das Annehmen betrifft, nur in Liebe geschehen; noch mehr: Verzeihen ist das Wesen der Liebe. Durch Verzeihung-Annehmen und Verzeihung-Schenken fangen wir an, unsere Gespaltenheit in Gut und Böse zu überwinden. Gott verzeiht immer. Wenn wir die Verzeihung annehmen, können auch wir verzeihen: uns selbst und den anderen. Wer verzeiht, verzichtet auf das Strafen im Sinn von Rache. (…) Verzeihen bedeutet schließlich Verzichten auf jede Erpressung mit Schuldgefühlen. Wer mit Schuldgefühlen spekuliert, den anderen mit Schuldgefühlen manipuliert, wird selbst schuldig, auch wenn er dem anderen verzeiht.

Entnommen aus: Elmar Gruber "Lass Schaf und Wolf zusammen in dir wohnen. Meditationen zu christlichen Tugenden", Don Bosco Medien, München 2002


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