Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Martin Scherer Gedanken zum Tag

Alle Zeit der Welt haben, so lautet eine gängige Redewendung. Auf die Hingabe trifft sie ganz und gar zu.

Stand: 23.04.2021

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

23 April

Freitag, 23. April 2021

Alle Zeit der Welt haben, so lautet eine gängige Redewendung. Auf die Hingabe trifft sie ganz und gar zu. Diese genießt das Privileg, nicht mehr auf die Zeit achten zu müssen, sie vielmehr hemmungslos verschwenden zu können, so wie reichen Menschen der Preis für ein begehrtes Ding herzlich egal ist. Hingabe wäre dementsprechend ein symbolischer Reichtum. Ihr größtes Gut bleibt eben die Zeit, endlose Zeit für Widmung, Gesten und Gedanken. (...) Alle Zeit der Welt heißt aber auch Erfüllung auf Erden und damit unvermeidlich Befristung. Die Hingabe spendet ein Gefühl der Zeitlosigkeit, bis nach ihrem Erlöschen alles wieder sein wird, wie es ohne sie war. Aber muss man nicht auch anerkennen, dass Hingabe einfach enden kann? Dass wir aus ihr fallen können, so wie wir in sie hineingeraten sind? Scheint es nicht sogar wahrscheinlich, dass die Verschwendung sich von einem Moment auf den nächsten selbst völlig aufgebraucht haben wird? Und dann: Werden wir alles mit anderen Augen sehen? Oder perlen sogar magische Erlebnisse einfach ab, ohne uns verwandelt zu haben? Darüber entscheidet wohl nur das individuelle Gesetz. Aber egal ob Rückkehr oder Rückfall in die Realität, Weitermachen wie vormals üblich oder bleibende Verstörung, der grelle Schein der Wirklichkeit wird anfänglich wohl immer blenden. Und wir blinzeln.

Entnommen aus: Martin Scherer "Hingabe. Versuch über die Verschwendung", zu Klampen Verlag, Springe 2021


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