Bayern 2 - Gedanken zum Tag


2

Christian Lehnert Gedanken zum Tag

Wer immer sich auf religiöse Phänomene einläßt, muß wie schon der pragmatische Psychologe William James konstatierte, den Realitätsbegriff relativieren.

Stand: 22.04.2021

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

22 April

Donnerstag, 22. April 2021

Seit den frühesten überlieferten Versuchen von Menschen, ihren flüchtigen Ort in der Welt, ihre Herkunft und ihre brüchige Wirklichkeit zu verstehen und Ausflüge zu unternehmen über das Gegebene hinaus, meinten sie, berührt wie durchdrungen zu werden von höheren Mächten, von numina. (…) Wer immer sich auf religiöse Phänomene einläßt, muß wie schon der pragmatische Psychologe William James konstatierte, den Realitätsbegriff relativieren: "Es ist, als gäbe es im menschlichen Bewußtsein ein Empfinden von Realität, ein Gefühl von objektiver Gegenwart, von ›da ist etwas‹ - eine Wahrnehmung, die tiefer und allgemeiner reicht als irgendeiner der besonderen ›Sinne‹, denen die gängige Psychologie das ursprüngliche Entdecken realer Existenz zuspricht." Es ist kaum zu unterscheiden, ob so ein "Da ist etwas" eine emphatische Bildung von Wahrnehmung, eine Technik zur Modifikation bestimmter neurokognitiver Zusammenhänge oder widerfahrene Fremde ist. Dies liegt im Wesen der "Sache" begründet. Einer Entmythologisierung halten numina nicht stand, sie zerfallen sofort vor den Augen der Vernunft; aber unversehens tauchen sie wieder auf aus den Eisbädern der methodischen Kritik und sind lebendig wie eh und je. (…) Numina existieren ja auch nicht, aber sie sind wirkmächtig.

Entnommen aus: Christian Lehnert "Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten", Suhrkamp Verlag, Berlin 2020


2