Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jeremias Schröder Gedanken zur Osterzeit

Der eingeschränkte Radius dieser Monate hat den Blick fürs Naheliegende geschärft. Zuletzt war ich mit einem Mitbruder aus Tansania auf Wallfahrt zur Leonhardikapelle in den Lechauen bei Kaufering.

Stand: 09.04.2021

09 April

Freitag, 09. April 2021

Der eingeschränkte Radius dieser Monate hat den Blick fürs Naheliegende geschärft. Zuletzt war ich mit einem Mitbruder aus Tansania auf Wallfahrt zur Leonhardikapelle in den Lechauen bei Kaufering. Leonhardikapellen gibt es hierzulande ja in Hülle und Fülle. Vermutlich ist Leonhard hierzulande weit populärer als in seiner Heimat Noblac, im tiefsten Mittelfrankreich, wo man ihn fast vergessen hat. Dort hatte der Einsiedler im 6. Jahrhundert Gefangene befreit. Deswegen sieht man ihn auf den Bildnissen mit Ketten. Unsere ländlichen Vorfahren haben bei diesen Ketten aber eher an Kühe und Pferde gedacht als an Gefangene, und so wurde Leonhard zum Viehpatron. In Kaufering werden die Ketten regelrecht zelebriert: eine schwere Eisenkette ist zweimal außen um die Kapelle herumgeschlungen, so als müsste man sie am Wegfliegen hindern. Und drinnen zeugen die Votivtafeln von den großen und kleinen Bedrängnissen unserer Vorfahren, und von der Errettung, die sie erlebt und der Fürsprache des Heiligen zugeschrieben haben. Wer will, kann das anders deuten. Aber immerhin: die Alten wussten, wie man Befreiung feiert und Dankbarkeit auch zeichenhaft darstellt. Hoffentlich können wir auch bald feiern und verdanken, dass sich unsere Fesseln lockern.

Abtpräses Jeremias Schröder / unveröffentlichter Text


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