Bayern 2 - Gedanken zum Tag


3

Arthur Schopenhauer Gedanken zum Tag

Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Tiere, ist der Egoismus, d.h. der Drang zum Dasein und Wohlsein.

Stand: 30.01.2021 00:01 Uhr

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

30 Januar

Samstag, 30. Januar 2021

Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Tiere, ist der Egoismus, d.h. der Drang zum Dasein und Wohlsein. (…) Dieser Egoismus ist, im Tiere, wie Menschen, mit dem innersten Kern und Wesen desselben aufs Genaueste verknüpft, ja, eigentlich identisch. Daher entspringen, in der Regel, alle seine Handlungen aus dem Egoismus, und aus diesem zunächst ist allemal die Erklärung einer gegebenen Handlung zu versuchen; wie denn auch auf denselben die Berechnung aller Mittel, dadurch man den Menschen nach irgend einem Ziele hinzulenken sucht, durchgängig gegründet ist. Der Egoismus ist, seiner Natur nach grenzenlos: der Mensch will unbedingt sein Dasein erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlsein, und will jeden Genuss, zu dem er fähig ist, ja, sucht womöglich noch neue Fähigkeiten zum Genusse in sich zu entwickeln. Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Hass: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will womöglich alles genießen. Alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens alles beherrschen: "Alles für mich, und nichts für die andern", ist sein Wahlspruch.

Entnommen aus: Arthur Schopenhauer "Über das Mitleid", herausgegeben von Franco Volpi, dtv, München 2011


3