Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Romano Guardini Gedanken zum Tag

Wir müssen wieder etwas von dem verwirklichen, was kontemplative Haltung heißt (…). Überall ist Aktion, überall Organisation und Betrieb - von woher werden sie aber gelenkt?

Stand: 23.01.2021 00:01 Uhr

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

23 Januar

Samstag, 23. Januar 2021

Wir müssen wieder etwas von dem verwirklichen, was kontemplative Haltung heißt (…). Überall ist Aktion, überall Organisation und Betrieb - von woher werden sie aber gelenkt? Von einem Innern, das bei sich selbst nicht zu Hause ist, sondern aus seinen Oberflächenbereichen, dem bloßen Verstand, dem Zweckwillen, den Macht-, Besitz-, Genußimpulsen heraus denkt, urteilt, handelt. Das keinen Kontakt mit der Wahrheit, mit der Mitte des Lebens, mit dem Wesentlichen und Bleibenden mehr hat, sondern irgendwo im Vorläufigen und Zufälligen herumtreibt. So muss die Tiefe des Menschen wieder erwachen. In seinem Leben muss es wieder Zeiten, in seinem Tag Augenblicke geben, in denen er still wird, sich sammelt und sich mit offenem Herzen eine der Fragen vorlegt, die ihn am Tag berührt haben. Mit einem Wort: er muss wieder meditieren und beten. Wie er das tun soll, kann man nicht allgemein sagen. Auf jeden Fall muss er sich aus der Hetze herausholen; still und anwesend werden; sich einem Wort der Frömmigkeit, der Weisheit (…) öffnen, ob er es nun aus der Heiligen Schrift, von Platon oder Pascal, von Goethe oder Jeremias Gotthelf holt. Er muss sich der Kritik stellen, die dieses Wort an ihm übt, und von dorther eines der Probleme prüfen, welche das tägliche Leben an ihn heranträgt.

Entnommen aus: Romano Guardini "Die Macht", hrsg. von Florian Schuller, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2016


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