Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Hannah Arendt Gedanken zum Tag

Wir sind heute gewohnt, in der Freundschaft ausschließlich ein Phänomen der Intimität zu sehen, in der die Freunde unbehelligt von der Welt und ihren Ansprüchen einander die Seelen eröffnen.

Stand: 14.01.2021

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

14 Januar

Donnerstag, 14. Januar 2021

Wir sind heute gewohnt, in der Freundschaft ausschließlich ein Phänomen der Intimität zu sehen, in der die Freunde unbehelligt von der Welt und ihren Ansprüchen einander die Seelen eröffnen. (…) So fällt es uns auch schwer, die politische Relevanz der Freundschaft zu verstehen, und wenn wir etwa bei Aristoteles lesen, daß die philia, die Freundschaft zwischen den Bürgern, eines der Grunderfordernisse des gesunden Gemeinwesens sei, so sind wir geneigt zu glauben, er habe von nicht mehr gesprochen als von der Abwesenheit der Parteikämpfe und des Bürgerkriegs im Innern der Stadt. Für die Griechen aber lag das eigentliche Wesen der Freundschaft im Gespräch, und sie waren der Meinung, daß das dauernde Miteinandersprechen erst die Bürger zu einer Polis vereinige. Im Gespräch manifestiert sich die politische Bedeutung der Freundschaft und der ihr eigentümlichen Menschlichkeit (…). Denn menschlich ist die Welt nicht schon darum, weil sie von Menschen hergestellt ist, und sie wird auch nicht schon dadurch menschlich, daß in ihr die menschliche Stimme ertönt, sondern erst, wenn sie Gegenstand des Gesprächs geworden ist. (…) Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir das, was in der Welt, wie das, was in unserem eigenen Innern vorgeht, und in diesem Sprechen lernen wir, menschlich zu sein.

Entnommen aus: Hannah Arendt "Freundschaft in finsteren Zeiten. Gedanken zu Lessing", hrsg. und eingeleitet von Matthias Bormuth, Matthes & Seitz Verlagsgesellschaft, Berlin 2018


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