Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Kübra Gümüsay Gedanken zum Tag

Kritisches Denken bedeutet nicht, sich über die Kritisierten zu erheben. Wer wohlwollend kritisiert, der öffnet seinem Gegenüber eine Tür, durch die er auf einen zugehen kann.

Stand: 13.01.2021

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

13 Januar

Mittwoch, 13. Januar 2021

Kritisches Denken bedeutet nicht, sich über die Kritisierten zu erheben. Wer wohlwollend kritisiert, der öffnet seinem Gegenüber eine Tür, durch die er auf einen zugehen kann. Und Kritik kann auch Zustimmung enthalten - nur so entstehen neue gedankliche Wege, die allen offenstehen, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind Wir sind Menschen. Wir werden Fehler machen. Wir werden verletzen und verletzt werden. Doch nur, wenn wir einander nicht für immer auf eine Position festnageln, wenn wir uns selbst und andere nicht auf starre Perspektiven festlegen, werden wir gemeinsam weiterkommen. Ohne Fehler hätten wir niemals Gehen, Sprechen, Lesen oder Schreiben gelernt. Nur durch diese menschlichen Fehler lernen wir die Welt und uns selbst kennen. Wenn wir gemeinsames Denken ermöglichen möchten, so müssen wir lernen, einander Entwicklung zuzugestehen. Die Freiheit, zu werden - gerade in der Netzöffentlichkeit. Denn jeder unserer Fehler, jede Dummheit, jeder schwache Moment, jede dunkle Facette im Prozess des Menschwerdens bleibt für immer und ewig im digitalen Archiv auffindbar. Und es ist so einfach, einen Menschen auf seinen menschlich schwächsten Moment zu reduzieren - nur weil er öffentlich stattfand oder öffentlich gemacht wurde. Es ist einfach, sich moralisch überlegen zu fühlen.

Entnommen aus: Kübra Gümüsay "Sprache und Sein", Hanser Verlag, Berlin 2020 (E-Book, Kap. 'Ein neues Sprechen')


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