Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Anselm Grün Gedanken zum Tag

Für die Mönche war es seit jeher eine wichtige spirituelle Übung, sich täglich den Tod vor Augen zu halten, und auch der hl. Benedikt rät seinen Mönchen zu dieser Übung.

Stand: 05.01.2021

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

05 Januar

Dienstag, 05. Januar 2021

Für die Mönche war es seit jeher eine wichtige spirituelle Übung, sich täglich den Tod vor Augen zu halten, und auch der hl. Benedikt rät seinen Mönchen zu dieser Übung. Sie soll uns aber keine Angst machen, sondern uns zu einem intensiven Leben führen; und sie soll zu einem angstfreien Leben führen. Einer der alten Mönchsväter wurde einmal gefragt, warum er nie Angst habe. Darauf antwortete er: "Weil ich mir täglich den Tod vor Augen halte." Wenn ich akzeptiere, dass ich begrenzt bin, dann lebe ich bewusst. Ich nehme jedes Gespräch wahr, als ob es das letzte sein könnte. Ich gehe durch die Natur mit dem Gefühl, dass es der letzte Frühling sein könnte, den ich erlebe. Dann werde ich alles intensiver erleben. Viele leben unter normalen Umständen in den Tag hinein, als ob das Leben ewig so weiterginge. Doch dann bekommt ihr Leben den Geschmack der Unverbindlichkeit und der Gleichgültigkeit. Wenn ich meine begrenzte Zeit akzeptiere, dann wandelt sich die Angst vor dem Tod in eine Zustimmung zum Leben und in ein Bejahen des Augenblicks. Ich erlebe dann jeden Augenblick als die wichtigste Zeit. Ich lebe im Jetzt. Und es gibt nichts Wichtigeres, als diesen Augenblick bewusst zu leben, bewusst anderen Menschen zu begegnen, bewusst die Natur zu erleben.

Entnommen aus: Anselm Grün "Was gutes Leben ist. Orientierung in herausfordernden Zeiten", hrsg. von Rudolf Walter, Herder Verlag, Freiburg 2020


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