Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Inge Broy Gedanken zur Adventszeit

Meine Gemüsehändlerin erkennt mich heute gar nicht, obwohl ich immer bei ihr einkaufe. Sie behandelt mich wie eine Fremde. Es ist aber auch kein Wunder: mit Mütze, Brille und Alltagsmaske bin ich wirklich kaum erkennbar.

Stand: 24.12.2020

24 Dezember

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Meine Gemüsehändlerin erkennt mich heute gar nicht, obwohl ich immer bei ihr einkaufe. Sie behandelt mich wie eine Fremde und so fühle ich mich auch. Es ist aber auch kein Wunder: mit Mütze, Brille und Alltagsmaske bin ich wirklich kaum erkennbar. Wohl kein anderes Ding hat uns in diesem Jahr so sehr beschäftigt wie die Maske, die mittlerweile zum Alltag gehört. Ich finde es gut, die Maske zu tragen, wenn ich dadurch andere und mich selbst vor Ansteckung schützen kann. Die Maske verhindert allerdings, andere ganz zu sehen und selbst gesehen zu werden. Das entfremdet mich zuweilen von Menschen, denen ich begegne. Wenn ich mich sonst maskiere, dann als Teil eines Kostüms, durch das ich in eine andere Rolle schlüpfe. Aber genau das will ich ja im Alltag nicht erleben, sondern ich will erkennbar sein und andere erkennen können. Ich will nicht fremd sein, sondern erkannt werden. Auch mit Alltagsmaske. Aber selbst wenn mich sonst niemand erkennen sollte, kann ich darauf vertrauen, dass Gott mich immer erkennt: Vor ihm kann und muss ich mich nicht verbergen und schützen. Ihm bin ich nicht fremd, er kennt und erkennt mich. Und das Wunder ist, dass ich ihn auch erkennen kann: Denn er tut, was wir oft nicht können: Er lässt seine Maske fallen. Gott demaskiert sich vor uns, indem er selbst Mensch wird. Das ist Weihnachten!

Inge Broy / unveröffentlichter Text


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