Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Johanna Haberer Gedanken zur Adventszeit

Es gibt Menschen, denen ist es in die Wiege gelegt: sie haben die Gabe, andere zu trösten.

Stand: 19.12.2020

19 Dezember

Samstag, 19. Dezember 2020

Es gibt Menschen, denen ist es in die Wiege gelegt: sie haben die Gabe, andere zu trösten. Das ist etwas ganz Geheimnisvolles. Man kann gar nicht sagen, wie das geschieht. Aber wenn ich in einem aufgeregten oder angespannten Zustand mit solch einem zum Trösten begabten Menschen spreche, einfach nur spreche und er zuhört, aufmerksam, dann ein wenig nachfragt vielleicht. Und wenn dann so eine Atmosphäre entsteht, wo man sich nicht mehr gegenübersteht, sondern, wo der andere einem das Gefühl gibt, er steht innerlich auf meiner Seite, dann löst sich der Knoten ein wenig, die Kehle ist nicht mehr zugeschnürt, der Zorn verlässt meinen Körper, die Enttäuschung, der Schmerz und die Trauer suchen sich einen dunklen Winkel und ich kann wieder aufatmen. Trösten. In der alten hebräischen Sprache, in der das Alte Testament aufgeschrieben ist, ist trösten das gleiche Wort wie aufatmen. Der Brustraum hat wieder Platz, der Atem geht wieder frei. Dann können auch Tränen fließen oder ein Lächeln nimmt Platz in meinem Gesicht. Vom Heiligen Geist wird gesagt, er sei ein Tröster. Das ist keine ferne Macht, das ist hier, dass Menschen, die andere trösten können, lassen uns erleben, was das ist: der Heilige Geist. Und ich denke, wir brauchen das in dieser Weihnachtszeit, in der wir nicht so zusammenkommen können, wie wir es uns ersehnen: dass wir einander trösten.

Johanna Haberer / unveröffentlichter Text


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