Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jeremias Schröder Gedanken zur Adventszeit

Berufsbedingt habe ich es in meinem Umfeld mit sehr vielen Welterklärern zu tun. Und die haben derzeit natürlich Hochkonjunktur.

Stand: 09.12.2020

09 Dezember

Mittwoch, 09. Dezember 2020

Berufsbedingt habe ich es in meinem Umfeld mit sehr vielen Welterklärern zu tun. Und die haben derzeit natürlich Hochkonjunktur. Warum es zur Pandemie gekommen ist, wie es hinterher sein wird, und welche Folgen sich daraus ergeben - über all das wird eifrig nachgedacht und viel verkündet. Viele haben auch schon sehr klare Antworten - die Ausbeutung der Natur, der moderne Lebensstil und so weiter als Ursache - und dass sich alles ändern muss als unausweichliche Konsequenz. Die Fragen beschäftigen mich auch, und wahrscheinlich uns alle. Aber die Antworten kommen mir zu früh. Etwas Misstrauen weckt auch, dass erstaunlich Viele durch die Pandemie das bestätigt finden, was sie ohnehin schon längst gedacht oder verkündet haben. Der Philosoph Hegel schrieb einmal, dass die Philosophie erst im Nachhinein verstehen könne, was geschehen ist. Er benutzte das Bild von der Eule der Minerva, die erst in der Abenddämmerung ihre Schwingen ausbreitet um den Flug zu beginnen. Bis es soweit ist, bis wir diese Abend-Weisheit erreicht haben, dürfen wir uns vielleicht damit abfinden, dass das Leben immer noch eine recht abenteuerliche und auch unübersichtliche Sache ist. Und dass nicht alles sofort einen Sinn hergibt, auch wenn es uns anders lieber wäre.

Abtpräses Jeremias Schröder / unveröffentlichter Text


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