Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jeremias Schröder Gedanken zur Adventszeit

Als junger Klosterschüler bekam ich um Haaresbreite einen Verweis, weil der Biologielehrer eine geflüsterte Bemerkung zur Unbefleckten Empfängnis falsch verstanden hatte.

Stand: 08.12.2020

08 Dezember

Dienstag, 08. Dezember 2020

Als junger Klosterschüler bekam ich um Haaresbreite einen Verweis, weil der Biologielehrer eine geflüsterte Bemerkung zur Unbefleckten Empfängnis falsch verstanden hatte. Ich fand den Lehrer damals sehr humorlos. Möglicherweise war die geflüsterte Bemerkung auch nicht ganz auf der Höhe des Themas. Heute ist im katholischen Kalender das Fest der Immakulata - oder, wie es offiziell heißt: das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau Maria. Dazu gibt es in Rom ein schönes Ritual: der Papst besucht den Spanischen Platz bei der gleichnamigen Treppe und überreicht der Muttergottesstatue, die auf einer hohen Säule steht, einen Blumenkranz, mit Hilfe eines römischen Feuerwehrmannes. Der Wesenskern des Festes ist nicht immer gut erklärt worden. Ich kann schon mal sagen, dass dieses Fest nichts mit Sex zu tun hat, was selbst Klosterschülern nicht immer klar war. Gemeint ist etwas ganz anderes: dass Gott nämlich auch einmal ganz neu anfangen kann. Wir wissen ja inzwischen ziemlich gut darüber Bescheid, dass vieles im Leben vorbestimmt ist: durch die Gene, durch die soziale Stellung der Eltern, durch die eindrücklichen Erlebnisse der frühen Kindheit. Das Fest der Immakulata verheißt uns: das ist alles kein unabänderliches Schicksal. Es kann auch mal Tabula Rasa geben, einen neuen Anfang, der aus all diesen Verstrickungen und Vorprägungen herausführt. Wir erleben das nicht immer so, aber dass das immerhin ein katholisches Dogma ist, berechtigt doch zu einiger Hoffnung.

Abtpräses Jeremias Schröder / unveröffentlichter Text


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