Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jeremias Schröder Gedanken zur Adventszeit

Verkleidungen sind ja etwas in Verruf geraten. Wer sich schwarz schminkt, der muss auf der anderen Seite des Atlantiks mit starkem Gegenwind rechnen, und auch die Dreikönigssinger haben inzwischen Rechtfertigungsbedarf.

Stand: 07.12.2020

07 Dezember

Montag, 07. Dezember 2020

Verkleidungen sind ja etwas in Verruf geraten. Wer sich schwarz schminkt, der muss auf der anderen Seite des Atlantiks mit starkem Gegenwind rechnen, und auch die Dreikönigssinger haben inzwischen Rechtfertigungsbedarf. Das ist schade, denn dass man einmal ein ganz anderer sein will, und vielleicht sogar die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen möchte - ist das doch ein Beleg für die geistige Flexibilität des Menschen. Eine Gruppe, die sich über solche Nachahmungen bislang nicht beschwert hat, sind alte weiße Männer mit Rauschebart. Immerhin legen sich ja die vielen Nikoläuse, die gestern in Bayern unterwegs waren, auch eine fremde Persona zu; aber selbst die nachgeahmten Bischöfe haben bisher huldvoll über diese kulturelle Aneignung hinweggesehen. Das Besondere am Nikolaus meiner Kindertage waren eigentlich nicht die Geschenke, sondern eher das Goldene Buch: dass da einer, den ich gar nicht kenne, erstaunlich viel über mich weiß. So wahrgenommen zu werden, war etwas einschüchternd. Aber es hieß ja auch, dass man doch irgendwie wichtig ist! Die Quelle dieses Geheimwissens hat sich mir und den meisten anderen später ja enthüllt. Aber die kindgereche Botschaft, dass unser Tun nicht ganz unwichtig ist, und dass wir selbst nicht ganz unwichtig sind, die kam trotz Rauschebart gut an.

Abtpräses Jeremias Schröder / unveröffentlichter Text


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