Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Christoph Breit Gedanken zur Adventszeit

Sie versteht nicht, warum niemand sie mehr besuchen kommt. Tag für Tag sieht sie aus dem Fenster, den Weg zur Straße hinunter, und hofft, dass die Enkel um die Ecke springen, die Tochter oder der Sohn kommt.

Stand: 01.12.2020

Gedanken zur Adventszeit | Bild: colourbox.com, Montage: BR

01 Dezember

Dienstag, 01. Dezember 2020

Sie versteht nicht, warum niemand sie mehr besuchen kommt. Tag für Tag sieht sie aus dem Fenster, den Weg zur Straße hinunter, und hofft, dass die Enkel um die Ecke springen, die Tochter oder der Sohn kommt. Die Blätter fallen und es wird immer grauer. Tag für Tag. Doch niemand kommt. Ja, das Pflegepersonal ist freundlich. Sie geben sich alle Mühe. Veranstalten Treffen mit den anderen Bewohnern. Haben ein Tablet gekauft, um Kontakt zu halten. Doch damit kommt sie nicht zurecht. Damals im Krieg haben sie sich an den Händen gefasst, in den Arm genommen. Haben zusammen die Not ausgehalten, zusammen geholfen, sich Mut gemacht und die Tränen in die Arme der vertrauten Menschen geweint. Doch jetzt. Ist Corona auch Krieg? Die gekauften Plätzchen auf dem Teller sind süß und pappig. Backen mit den Enkeln darf sie nicht. "Zu gefährlich!" sagt man ihr. Ihre Plätzchen haben immer nach Heimat und Liebe geschmeckt. In der Bibel liest sie: "Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht." Essen und Trinken gibt es, Medikamente gegen Krankheit auch. Aber die Einsamkeit bleibt. Jeden Tag. Jesus sagt: "Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan."

Christoph Breit / unveröffentlichter Text


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