Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Kunstwerke sind keine leblosen Produkte, die man in Museen ausstellt und in Konzertsälen oder auf Bühnen einem Publikum präsentiert. Sie sprechen uns an und erwarten ein Echo.

Stand: 19.11.2020

19 November

Donnerstag, 19. November 2020

Kunstwerke sind keine leblosen Produkte, die man in Museen ausstellt und in Konzertsälen oder auf Bühnen einem Publikum präsentiert. Sie sprechen uns an und erwarten ein Echo. Sie wirken auf unseren Verstand und unsere Sinne und rufen die verschiedensten Eindrücke hervor. Die Bilder einer Gemäldegalerie ändern ihr Aussehen täglich und zeigen nicht jedem Besucher das gleiche Gesicht. Ja, es gibt Tage an denen sie gleichgültig in ihren Rahmen hängen und mürrisch dreinschauen, und Tage, an denen sie den Besucher strahlend anblicken. Eine Mozartsymphonie löst nicht in jedem Konzert und bei jedem Hörer die gleiche Stimmung aus. Einmal schickt es seine Hörer euphorisch gestimmt, und ein anderes Mal melancholisch oder aufgewühlt nach Hause. Dasselbe Bühnenstück, das auf der einen Bühne stürmische Begeisterung hervorgerufen hat, muss sich vielleicht auf einer anderen Bühne Buhrufe der Zuschauer gefallen lassen. Und dasselbe Buch, das einer schon einmal mit Genuss gelesen hat, kann ihn, wenn er es nach Jahren wieder liest, ärgern und zum Widerspruch reizen. Wer hat sich da geändert? Der Leser oder das Buch? Das Gemälde oder der Betrachter? Die Symphonie oder der Hörer? Das Bühnenstück oder die Zuschauer? Kunstwerke ändern sich, weil die Hörer und Betrachter sich ändern. Weil jeder andere Augen, Ohren, Erfahrungen und Erwartung mitbringt. Und weil das Kunstwerk das Geschöpf eines Künstlers ist, das seine Weltsicht und seine Erfahrungen ausdrückt.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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