Bayern 2 - Gedanken zum Tag


3

François Cheng Gedanken zum Tag

Die Absolutheit des Lebens bedeutet, dass es sich jedem als Geschenk anbietet und zugleich eine Forderung ist.

Stand: 16.11.2020

16 November

Montag, 16. November 2020

Die Absolutheit des Lebens bedeutet, dass es sich jedem als Geschenk anbietet und zugleich eine Forderung ist. Das impliziert eine gewisse Anzahl grundlegender Regeln, die für ein offenes Leben bürgen, und damit für die wahre Freiheit. Leben beschränkt sich nicht auf die körperliche Existenz. Leben verlangt den Menschen in seiner Gesamtheit, bestehend aus einem Körper, einem Geist und einer Seele. Leben verlangt darüber hinaus das individuelle Sein innerhalb des Abenteuers des SEINS an sich. Jeder von uns ist an andere Menschen gebunden, und wir alle sind an ein gewaltiges VERSPRECHEN gebunden, das vom URSPRUNG an die Bewegung des WEGES gewährleistet. In dieser grundlegenden Bindung, die sich auf allen Ebenen bestätigt, existiert zwischen jedem Schicksal und dem, was der Bestimmung des Universums vorausgeht, so etwas wie ein Pakt, eine Art Bündnis, das stillschweigende Verantwortlichkeiten einschließt. Das chinesische Denken hat für das, was jedem einzelnen Leben zukommt, den Begriff "Auftrag des Himmels" geprägt. Jeder ist verpflichtet, diesen Auftrag bis zum Ende auszuführen, ohne ihn künstlich abzubrechen. Gerade indem der Mensch sich den Prüfungen dieses "Endes" stellt, offenbart er sich gegenüber seiner unhintergehbaren Wahrheit, gegenüber dem unersetzlichen Teil seiner selbst.

Entnommen aus: François Cheng "Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben", aus dem Französischen von Thomas Schultz, C.H.Beck Verlag, München 2015


3