Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Claus Mikosch Gedanken zum Tag

Der kleine Buddha hatte seinen Blick die ganze Zeit auf den Boden gerichtet, um nicht zu stolpern oder gar zu stürzen.

Stand: 30.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

30 Oktober

Freitag, 30. Oktober 2020

Der kleine Buddha hatte seinen Blick die ganze Zeit auf den Boden gerichtet, um nicht zu stolpern oder gar zu stürzen. Während seine Augen den Pfad überwachten, schweiften seine Gedanken ab und er stellte sich all die Orte, Erfahrungen und Begegnungen vor, die irgendwo in der Zukunft auf ihn warteten. Sowohl wunderbare Erlebnisse als auch schwierige Situationen, glückliche Zeiten und auch traurige Momente. Er sah sich lachen und leiden, lächeln und weinen. Ein wenig später fragte er sich dann allerdings, ob überhaupt irgendetwas auf ihn wartete. Vielleicht war die Zukunft in Wirklichkeit ein völlig leeres Blatt, ohne unsichtbare Schrift und geheimnisvolle Zeichen; kein Schicksal, dem er hilflos ausgesetzt war. Stattdessen war die einzige Tinte, die das Blatt füllen konnte, die Tinte der Entscheidung. Denn waren es nicht die Entscheidungen eines jeden Menschen, die das Leben formten? Kein vorbestimmter Flusslauf, sondern ein Meer aus unzähligen Möglichkeiten. Plötzlich blieb er stehen. (…) Wo sollte er hier einen sicheren Unterschlupf für die Nacht finden? (…) Schon im nächsten Moment kehrte aus dem Nichts die Leichtigkeit zurück. Die Hügel, die ihn umgaben, würden ihn vor dem Wind schützen und der kurvige Weg ins Ungewisse war weitaus besser, als eine gerade Straße, dessen Ende schon am Anfang zu erkennen ist. Ein Leben ohne Überraschungen, wer wollte das schon?

Entnommen aus: Claus Mikosch "Der kleine Buddha und das Wunder der Zeit", Herder Verlag, Freiburg 2020


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