Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Romano Guardini Gedanken zum Tag

Wir können uns wehren, können manches nach unserem Willen gestalten - im Grunde müssen wir annehmen, was kommt und gegeben wird. Das zu verstehen und sich danach zu verhalten, ist Geduld.

Stand: 27.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

26 Oktober

Montag, 26. Oktober 2020

Wir können uns wehren, können manches nach unserem Willen gestalten - im Grunde müssen wir annehmen, was kommt und gegeben wird. Das zu verstehen und sich danach zu verhalten, ist Geduld. Wer das nicht will, steht in immerwährendem Konflikt mit dem eigenen Dasein. (…) Wir müssen Geduld auch haben mit den Menschen, mit denen wir verbunden sind. Ob das nun die Eltern sind, oder der Ehepartner, das Kind; der Freund, der Arbeitsgenosse, oder wer immer - mündiges, verantwortetes Leben fängt damit an, dass wir den Menschen annehmen, wie er ist. Es kann sehr schwer werden, mit einem Menschen verbunden zu sein, den man allmählich auswendig kennt; von dem man weiß, wie er redet, wie er denkt, wie er sich zu allem stellt. Man möchte ihn wegtun und einen anderen nehmen. Treue ist hier vor allem Geduld - damit, dass er ist, wie er ist, und sich verhält, wie er es tut. Wo die nicht geübt wird, geht alles in die Brüche, und die Möglichkeit, die in der Beziehung lag, ist verspielt. Aber Geduld müssen wir auch haben mit uns selbst. Wir wissen - in etwa; in der Form eines mehr oder weniger klaren Wunsches -, wie wir sein möchten. Möchten gern diese Eigenschaft los sein, jene haben, und stoßen uns daran, doch zu sein, wie wir eben sind. Es ist schwer, der bleiben zu müssen, der man ist; demütigend, immer die gleichen Fehler, Schwächen, Kümmerlichkeiten fühlen zu müssen.

Entnommen aus: Romano Guardini "Tugenden. Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens", hrsg. von Florian Schuller, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2017


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