Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Sylvia Wetzel Gedanken zum Tag

Der Buddhismus hält es für den Gipfel der Egozentrik, wenn wir an ein einzigartiges, unabhängiges und ewiges Selbst oder eine unsterbliche Seele glauben ...

Stand: 22.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

22 Oktober

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Der Buddhismus hält es für den Gipfel der Egozentrik, wenn wir an ein einzigartiges, unabhängiges und ewiges Selbst oder eine unsterbliche Seele glauben, die uns, ohne eigene Einsicht und ohne eigenes Bemühen, wahren Frieden jenseits dieser bösen Welt schenken soll. Hinter diesem religiösen Konzept steht meist ein ernsthafter Wunsch nach Frieden, der allerdings nicht durch schöne Gedanken zu erlangen ist, sondern nur durch geduldiges Bemühen um Selbsterkenntnis, um eine freundliche Einstellung zu uns und anderen und um ein möglichst ethisches Verhalten. Dadurch lernen wir mit der Zeit, auch mit schwierigen Erfahrungen immer klüger umzugehen. Das wird möglich im Vertrauen auf die Weisheit, die uns alle trägt, die wir aber nie fassen können. Aus Sicht des Buddhismus dient die Rede von Buddha-Natur als Hinweis, auf die Stimme der Weisheit in uns und anderen zu hören. Sie äußert sich auch und vor allem in unangenehmen Gefühlen und weist uns auf überzogene Erwartungen und ungültige Konzepte hin. (…) Wenn wir auf die Stimme der Weisheit hören und unsere Erwartungen und Vorstellungen überprüfen (in rechter Weise überprüfen), wird sich das als Alltagsklugheit, Freundlichkeit, Freude und Dankbarkeit, Mitgefühl und Gleichmut oder heitere Gelassenheit zeigen. Und zwar mitten im Alltag, auch in schwierigen Situationen, im Streit und im Unglück.

Entnommen aus: Sylvia Wetzel "Fühlen ist Leben. Mit schwierigen Gefühlen umgehen", Herder Verlag, Freiburg 2018


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