Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Reinhard Marx Gedanken zum Tag

Die Idee der Freiheit hat starke Wurzeln in der biblischen Überlieferung und in der christlichen Theologie.

Stand: 12.10.2020

12 Oktober

Montag, 12. Oktober 2020, 00:01 Uhr

Die Idee der Freiheit hat starke Wurzeln in der biblischen Überlieferung und in der christlichen Theologie, wie wir gesehen haben. Und dennoch ist der Verlauf der Ideengeschichte der Freiheit im Blick auf die Haltung der Kirche und der Christen gespalten. Der Mensch steht als Freiheitswesen gleich in mehreren Bezügen: Er steht in der Verantwortung für sich selbst, für die Welt und sein Gegenüber und auch gegenüber Gott. Das heißt der Mensch ist immer Individuum und steht zugleich immer in Beziehung. Diese Verbindung von Individuum und Relation beschreibt im Kern ganz gut das christliche Menschenbild, das mit dem Begriff der Person gefasst wird. In diesen drei Bezügen entfaltet sich auch die Freiheit und stößt in ihnen an Grenzen: Das eine ist die Entfaltung der Freiheit des Individuums, das zweite die Ausrichtung auf die Welt und das Miteinander von Menschen, und schließlich richtet sich die Freiheit auf das Verhältnis zu Gott. Wir können unsere Freiheit nur personal verstehen: Immer sind wir in Beziehungen eingebunden, die einengen können, aber auch Möglichkeiten eröffnen. In der Tradition der Katholischen Soziallehre wird deshalb Person verstanden als »Selbststand im Gegenüberstand« – eine etwas umständliche Beschreibung für dieses Beziehungsgeflecht, das Gesellschaft mit einbezieht. Freiheit ist eine Beziehungswirklichkeit.

Entnommen aus: Reinhard Marx "Freiheit", Kösel Verlag, München 2020


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