Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Donald D. Hoffman Gedanken zum Tag

Ich glaube (..), dass der bewusste Realismus die Trennung zwischen Wissenschaft und Spiritualität aufheben kann.

Stand: 10.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

10 Oktober

Samstag, 10. Oktober 2020

Ich glaube (..), dass der bewusste Realismus die Trennung zwischen Wissenschaft und Spiritualität aufheben kann. Diese ideologische Barriere ist eine nutzlose Illusion, verstärkt durch den uralten Irrglauben: dass Wissenschaft einer physikalistischen Ontologie bedürfe, die das Anathema zur Spiritualität sei, und dass Spiritualität für die Methoden der Wissenschaft undurchdringbar sei. Ich sehe einen unbehaglichen Waffenstillstand und dann eine Annäherung voraus. Religiöse Menschen werden zögern, alte, von Autoritäten stammende Texte zu fehlbaren Quellen der Inspiration herabzustufen und die ikonoklastischen Debatten und akribische Experimente der wissenschaftlichen Methode anzuerkennen. Aber schlussendlich werden beide Seiten erkennen, dass sie nichts an Wert verloren haben, sondern sogar eine klarere Antwort auf die großen Fragen werden liefern können: Was sind wir? Wo sind wir? Und weshalb sind wir auf der Welt? (…) Bei diesem Prozess fördern wir womöglich etwas, was als wissenschaftliche Theologie verstanden werden könnte (…). Eine wissenschaftliche Theologie wäre keine Wilderei in sakrosankten Gebieten antiker Religionen à la Prometheus; sie wäre die Anwendung unsere besten kognitiven und experimentellen Werkzeuge auf unsere wichtigsten Fragen.

Entnommen aus: Donald D. Hoffman "Relativ real. Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat", aus dem Englischen von Jörn Pinnow, dtv Verlag, München 2020 (E-Book, Kapitel 10 'Gemeinschaft')


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