Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Karin Seethaler Gedanken zum Tag

Wir sind es gewohnt, beständig zu bewerten und zu urteilen.

Stand: 08.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

08 Oktober

Donnerstag, 08. Oktober 2020

Wir sind es gewohnt, beständig zu bewerten und zu urteilen. Urteile sind wichtig. Ohne sie könnten wir nicht leben. Sie schützen uns, engen uns jedoch auch ein.(..) Wer urteilt, achtet nicht mehr auf das, was jetzt ist, sondern orientiert sich an seinem Urteil und fixiert seine Aufmerksamkeit darauf. Die Wirklichkeit wird entsprechend reduziert. Bei einem sogenannten Schubladendenken sieht man z. B. vor allem das, was zur eigenen Sichtweise passt. Wenn ich von jemandem sage: "Das ist ein schwieriger Mensch", werde ich mit diesem Urteil sein Verhalten wie durch eine Brille betrachten und es entsprechend bewerten. Andere Anteile seiner Persönlichkeit werden nur am Rande oder gar nicht wahrgenommen. Auch Urteile über sich selbst wie z. B. "ich bin kompliziert" fixieren meine Aufmerksamkeit entsprechend. Man nimmt dann bei sich vor allem das wahr, was dieses Urteil stets aufs Neue bestätigt, und Wesentliches, was die eigene Person eigentlich ausmacht, sehe ich nicht. Eine Professorin für Heilpädagogik erzählte mir, wie wichtig es ihr war, ihren Studierenden die Bedeutsamkeit der 'heilsamen Unsicherheit' zu vermitteln. Die 'heilsame Unsicherheit' ermöglicht, eigene Urteile und Sichtweisen über Menschen zu relativieren und sie nicht als etwas Endgültiges zu betrachten.

Entnommen aus: Karin Seethaler "Die Kraft der Kontemplation", Echter Verlag, Würzburg 2013


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