Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Von einer Lust zu leben merkt man heute bei den meisten wenig, eher etwas von der Mühe, das Leben täglich von neuem zu ertragen.

Stand: 07.10.2020

07 Oktober

Mittwoch, 07. Oktober 2020

Von einer Lust zu leben merkt man heute bei den meisten wenig, eher etwas von der Mühe, das Leben täglich von neuem zu ertragen. Sie werden von dem zwiespältigen Gefühl, dass es ein Unglück ist, zu leben und es ein noch größeres Unglück wäre, nicht zu leben, hin- und hergerissen. Viele begnügen sich damit, dem Leben ein paar schöne Seiten abzugewinnen, auf der Karriereleiter ein wenig nach oben zu klettern und sich ein Einkommen zu sichern, mit dem man sich etwas leisten kann. Sie heben den Konsum an, dehnen die Freizeitmöglichkeiten aus und stillen ihren Erlebnishunger mit immer neuen Reizen. Rainer Maria Rilke wurde in seinem 28. Lebensjahr eines Morgens von dem Gedanken wachgerüttelt, er habe das Wesentliche vielleicht versäumt und eigentlich noch nicht gelebt: "Ist es möglich", denkt es in ihm - "dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? ... und an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, ... dass das Leben abläuft mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer?" Und er muss sich eingestehen: "Ja, es ist möglich." Ohne dieses Erschrecken, man habe vielleicht noch nicht gelebt und lebe am Wesentlichen vorbei, gibt es kein Erwachen. Leben ist die Summe dessen, was einer daraus macht. Jeder sollte sich deshalb immer wieder die Frage stellen: "Wann fängst Du an mit dem wirklichen, dem sinnvollen Leben? Und er sollte so leben, als müsste er täglich sterben und arbeiten, als dürfte er ewig leben.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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