Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Karl Rahner Gedanken zum Tag

Wir möchten oft gern andere Zeiten haben, in der Weltgeschichte und in unserem Leben.

Stand: 01.10.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

01 Oktober

Donnerstag, 01. Oktober 2020

Wir möchten oft gern andere Zeiten haben, in der Weltgeschichte und in unserem Leben. Wir haben vielleicht eine Zeit der Bedrängnis, und wir würden gern eine Zeit der Freude haben. Wir hätten vielleicht gern hohe Zeiten, und wir haben eine Zeit kärglicher, mühseliger, gleichmäßiger, langweiliger Arbeit, aus der nicht viel - wie wir meinen - herauskommt. Und doch kann die Schrift über jeden unserer Augenblicke genau sagen: Siehe, jetzt ist die rechte Zeit, jetzt ist der Tag des Heiles: der Tag, den du jetzt hast, die Stunde, die dir jetzt gegeben ist. (…) Wenn wir jede Stunde annehmen würden aus der Hand Gottes, von dort, von wo sie wirklich kommt, wenn wir nicht klagen würden, wenn wir uns nicht wundreiben würden an der Situation, in die wir nun einmal hineingestellt sind unentrinnbar, sondern wenn wir gläubig, demütig, in der Kraft des Geistes und in dem Licht des Herrn sagen würden: Jetzt ist der Tag des Herrn, die Stunde des Heiles, der rechte Augenblick, aus dem meine Ewigkeit hervorgehen kann, würden wir dann unser Leben nicht besser bestehen? Wären unsere Tage dann nicht - und selbst wenn sie menschlich leer und trostlos wären - gefüllter, lichter, größer, geräumiger und seliger von der geheimen Seligkeit, die der Christ selbst noch im Kreuz und in der Trostlosigkeit haben kann?

Entnommen aus: Karl Rahner "Von der Kraft, täglich neu zu beginnen", hrsg. von Andreas R. Batlogg und Peter Suchla, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2020


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