Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Hannah Arendt Gedanken zum Tag

Einsamkeit bedeutet, dass ich, obwohl allein, mit jemandem (das heißt, mir selbst) zusammen bin.

Stand: 17.09.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

17 September

Donnerstag, 17. September 2020

Einsamkeit bedeutet, dass ich, obwohl allein, mit jemandem (das heißt, mir selbst) zusammen bin. Sie bedeutet, dass ich Zwei-in-Einem bin, wohingegen Verlassenheit und Isoliertheit diese Art von Schisma, diese innere Zweiheit, in der ich mir selbst Fragen stellen und von mir Antworten erhalten kann, nicht kennen. Unterbrochen werden kann Einsamkeit und die ihr entsprechende Tätigkeit, das Denken nämlich, entweder von jemandem, der sich an mich wendet, ferner, wie jede andere Tätigkeit auch, indem ich etwas anderes tue, oder schlicht durch Erschöpfung. In jedem dieser Fälle werden die Zwei, die ich im Denken war, wieder Einer. Wenn sich jemand an mich wendet, dann muss ich mit ihm und nicht mit mir sprechen, und indem ich das tue, ändere ich mich. Ich werde Einer, der natürlich Selbst-Wahrnehmung, das heißt, Bewusstsein, besitzt, der aber nicht mehr ganz und deutlich ansprechbar im Besitz seiner selbst ist. Wenn sich nun nur eine Person an mich wendet und wenn wir, wie es manchmal geschieht, in der Form des Zwiegesprächs über genau die Dinge zu sprechen beginnen, mit denen sich Einer von uns, während er noch in der Einsamkeit war, beschäftigte, dann ist es jetzt so, als ob ich mich an ein anderes Selbst wende. Und dieses andere Selbst, das "allos autos", hat Aristoteles richtig als den Freund bestimmt.

Entnommen aus: Hannah Arendt "Über das Böse", hrsg. von Jerome Kohn, aus dem Englischen von Ursula Ludz, Piper Verlag, München 2014


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