Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Robert Wringham Gedanken zum Tag

Es gibt ja die Theorie, dass das Streben nach Vergnügen (...) ein Luxus ist, den man sich nicht leisten darf, solange andere Menschen sich abrackern müssen.

Stand: 16.09.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

16 September

Mittwoch, 16. September 2020

Es gibt ja die Theorie, dass das Streben nach Vergnügen - zum Beispiel, indem man sich künstlerisch betätigt oder eine Kunstausstellung besucht - ein Luxus ist, den man sich nicht leisten darf, solange andere Menschen sich abrackern müssen. Nach dieser Theorie ist es lächerlich, verantwortungslos oder gar heimtückisch, sich überhaupt dem Streben nach Vergnügen hinzugeben: "… und andere Leute mussten währenddessen hart arbeiten", ist eine dieser unvermeidlichen Antworten, die man bekommt, wenn man erklärt hat, man hätte den ganzen Tag mit Lesen im Rosengarten des öffentlichen Parks oder beim Töpferkurs in einem Museum verbracht. Das ist eine ausgesprochen konservative, nicht-fortschrittliche und darüber hinaus auch noch extrem fantasielose Haltung. Harte Arbeit sollte uns ermöglichen - uns allen, en masse -, eine Welt zu schaffen, in der Vergnügen großgeschrieben wird. Sie existiert nicht um ihrer selbst willen. Gegen das Vergnügen zu sein oder eine Moral zu verbreiten, die harte Arbeit als Selbstzweck ansieht, führt uns zurück in finsterste viktorianische Zustände. Das ist die Weltsicht von manchen älteren Leuten, die glauben, sie seien im Leben zu kurz gekommen, und die nicht begreifen wollen, dass sich seit ihrer Jugend die Lebensbedingungen verändert haben.

Entnommen aus: Robert Wringham "Das gute Leben. Wie Sie trotz Ihres öden Jobs glücklich leben können", aus dem Englischen von Ronald Gutberlet, Heyne Verlag, München 2020


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