Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jens Halfwassen Gedanken zum Tag

Sofern und solange Philosophie Ausgriff auf das Ganze des Seienden ist und nach dem letzten Grund und Ursprung des Ganzen fragt, ist sie auf den Gedanken des Einen Gottes verpflichtet.

Stand: 25.07.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

25 Juli

Samstag, 25. Juli 2020

Sofern und solange Philosophie Ausgriff auf das Ganze des Seienden ist und nach dem letzten Grund und Ursprung des Ganzen fragt, ist sie auf den Gedanken des Einen Gottes verpflichtet, der ganz anders ist als die anthropomorphen Götter des Polytheismus und auch ganz anders als die Struktur der Welt, deren Urgrund er ist. Dieser Monotheismus ist unablösbar vom Ursprungsgedanken; darum bleibt die Philosophie ihm auch und gerade dann verpflichtet, wenn sie nach einem möglichen Wahrheitsgehalt des Mythos und des mythologischen Polytheismus fragt, wie das in der Spätantike im Neuplatonismus und in der Moderne in den Religionsphilosophien von Hegel und zumal von Schelling geschieht. Aus diesem Grund verliert die Philosophie ihr Wesen, wenn sie aufhört, nach Gott zu fragen und ihn zu denken. Denn sie kann damit nur aufhören, indem sie zugleich aufhört, auf das Ganze des Seienden auszugreifen und nach dessen Ursprung zu suchen. (…) Die Absage von großen Teilen der Gegenwartsphilosophie an Gott ist erkauft um den Preis einer Abwendung von der gesamten Tradition der Philosophie. Das ist der höchste Preis, den man im Denken zahlen kann: er ist zu hoch, wenn Philosophie ihrer eigenen Geschichte verpflichtet bleiben soll.

Entnommen aus: Jens Halfwassen "Auf den Spuren des Einen. Studien zur Metaphysik und ihrer Geschichte", Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2015


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