Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Irmtraud Tarr Gedanken zum Tag

Ist es ein Produkt von Zeitknappheit und Zeitdruck, dass wir uns zu wenig Zeit für Freunde nehmen?

Stand: 24.07.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

24 Juli

Freitag, 24. Juli 2020

Ist es ein Produkt von Zeitknappheit und Zeitdruck, dass wir uns zu wenig Zeit für Freunde nehmen? Warum empfinden wir es als zeitraubend, Freunde zu treffen oder einzuladen? Weshalb das ständig schlechte Gewissen wegen der vielen unerledigten Dinge? Es scheint, als wären wir alle Individualisten geworden mit festen Lebensritualen, eingefleischten Gewohnheiten und gelegentlich miteinkalkulierten Eskapaden. Wenn man (…) verstanden hat, dass der "Andere" für unser eigenes Selbst eine Priorität hat, dann ist dieser Rückzug, dieses Sich-Verweigern auch Identitätsgefährdung. Man wird zum Eigenbrötler und damit ungenießbar. (…) Passivität, Rückzug und Unterlassung bewirken also nicht nur eine Lähmung dem anderen gegenüber, sondern auch eine Lähmung sich selbst gegenüber. Durch Austausch, Begegnung und Freundschaft werde ich zu jemandem, der nicht nur Glied einer Gemeinschaft ist, sondern auch Zugehöriger. (…) Zeitinseln mit Freunden sind wie kleine Oasen, wo man noch spüren kann, was es heißt, ein Stückchen Heimat zu haben. Wir können plötzlich, für einen Augenblick, die Möglichkeit einer neuen Welt, einer besseren Zukunft erkennen, weil wir wissen: Ich bin nicht allein. Ich bin gehalten im Glück, das sich Freundschaft nennt.

Entnommen aus: Irmtraud Tarr "Vom Träumen und vom Glück in: Das Inspirationsbuch 2010", hrsg. von Gabriele Hartlieb, Herder Verlag, Freiburg 2009


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