Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Niklaus Kuster Gedanken zum Tag

Das Vaterunser prägt das alltägliche Beten der ersten Franziskaner.

Stand: 22.07.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

22 Juli

Mittwoch, 22. Juli 2020

Das Vaterunser prägt das alltägliche Beten der ersten Franziskaner. Brüder, die ohne Bücher in Eremitagen leben oder unterwegs sind, betrachten das Herrengebet, insgesamt 87-mal von Mitternacht zu Mitternacht. Die damaligen Katharer und Waldenser kommen sogar auf 250 Vaterunser pro Tag. Menschen tun jedoch gut daran, sich nicht auf eine Gebetsform und auch nicht auf einige wenige Gottesnamen zu beschränken. Sowohl die jüdische als auch die islamische Weisheit mahnen aus guter Erfahrung, von Gott weit zu denken. Tiefe und Weite sind Zeichen echter Spiritualität. Sie wollen und sollen sich auch im Beten zeigen. Eine rabbinische Geschichte erzählt von jüdischen Schülern und ihren Schwierigkeiten, das Bilderverbot nicht nur materiell, sondern auch innerlich zu halten. Sie fragen ihren Meister, wie sich denn das zweite Gebot des Dekalogs, sich von Gott kein Bild zu machen, umfassend befolgen lasse: Jeder Mensch male sich doch in seiner Vorstellungskraft spontan und unvermeidbar Bilder von Gott aus! Der Rabbi antwortete, es gebe nur einen Weg, sich von Gott kein Bild zu machen: sich viele Bilder des Ewigen vor Augen zu halten! Nur viele Bilder verhindern im Zusammenspiel, dass Menschen sich auf ein Bild festlegen, Gott dadurch auf ihre Vorstellungen einengen und klein von ihm denken.

Entnommen aus: Niklaus Kuster "Unser aller Vater. Beten wie Franz von Assisi", Patmos Verlag, Ostfildern 2020


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