Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Unsere Zeit zeigt einen Hang zu schonungsloser Offenheit

Stand: 13.02.2020

13 Februar

Donnerstag, 13. Februar 2020

Unsere Zeit zeigt einen Hang zu schonungsloser Offenheit. Viele scheuen sich heute nicht, in Journalen, Büchern, Fernsehsendungen oder im Internet, die persönlichsten Empfindungen bloßzulegen. "Heutzutage", bemerkt der Psychologe Thomas Cottle, "kann niemand Stellung, Gesundheit, Jungfernschaft, Persönlichkeit oder den Verstand verlieren, ohne ein Buch darüber zu schreiben oder den Verlust in einer Talk-Show zu bereden". Der Kirchenlehrer Augustinus, mit dem die Bekenntnisliteratur begann, wollte, als er seine 'Bekenntnisse' schrieb, sich dadurch von seiner Schuld befreien. Der Aufklärungsphilosoph Rousseau verfolgte mit seinen 'Bekenntnissen' ein anderes Ziel. Er fühle - schreibt er - dass sein Leben durch Freimütigkeit interessant werden könnte. Ihm lag daran, bekannt zu werden. Und Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz, machte aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen eine Anklageschrift gegen seine Zeit, die ihn angeblich zwang, das schmutzige Geschäft der Judenvernichtung zu betreiben, das ihm im Innersten zuwider gewesen sei. Bekenntnisse wurden ein Stilmittel der Selbstdarstellung. Ihr Sinn wurde auf den Kopf gestellt. Da geht es nicht mehr um einen Neuanfang. Da möchte einer, der nach Beachtung giert, Aufmerksamkeit für sich und sein - oft verkorkstes - Leben.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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