Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Karlheinz A. Geißler Gedanken zum Tag

Was eine Uhr ist, wissen wir. Wir wissen auch, dass wir ohne sie leben können - und das nicht unbedingt schlechter.

Stand: 11.02.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

11 Februar

Dienstag, 11. Februar 2020

Was eine Uhr ist, wissen wir. Wir wissen auch, dass wir ohne sie leben können - und das nicht unbedingt schlechter. Was Zeit ist, wissen wir nicht, wissen aber, dass wir ohne sie aus dem Gästebuch der Lebenden gestrichen werden. Gegenwärtig sind wir zugleich Zeugen, Täter und Opfer eines Prozesses, in dem die am Vorbild Uhr ausgerichtete und stabilisierte Zeitordnung an Gestaltungskraft und Wirkmächtigkeit einbüßt. Es sieht so aus, als ginge unsere erzwungene Freundschaft mit der Uhr heute zu Ende. Auf den ersten Blick klingt das bedrohlich. Auf einen zweiten hingegen ganz und gar nicht. Sind wir mit der Uhr am Ende, eröffnen sich nämlich neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten des Zeitlebens. So ist es wahrscheinlich, dass wir, wenn die Uhren den Thron der Zeitmacht verlassen und ihren Einfluss bei der Gestaltung des Daseins verlieren, erfahren werden, dass Zeit etwas völlig anderes ist als das, was wir so nennen. Erst wenn die Uhrendiktatur ein Ende hat, die Chronometer, die die Zeiten pünktlich gemacht haben, nur mehr einen geringen Einfluss auf unser Zeitleben haben, werden wir erkennen und erleben, dass es attraktive Alternativen zu jener Zeitexistenz gibt, die wir praktizieren und für selbstverständlich halten.

Entnommen aus: Karlheinz A. Geißler "Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur", S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2019


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