Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Wie viele Gebete die Menschheit täglich nach oben schickt, darüber gibt es keine zuverlässige Statistik.

Stand: 05.02.2020

05 Februar

Mittwoch, 05. Februar 2020

Wie viele Gebete die Menschheit täglich nach oben schickt, darüber gibt es keine zuverlässige Statistik. Ich habe mich schon oft gefragt: Hört sich Gott das alles an, alle Bitten, auch Unmutsäußerungen, Forderungen, Beschwerden, Flüche und Geschwätz? Ja, was hält er von den nach dem Aufwachen gesprochenen Morgengebeten? Was von dem Innehalten kurz vor dem Ins-Bett-gehen nach dem Ausschalten des Fernseh-Gerätes? Und was hält er vom fernöstlichen Meditieren? Wann kam das letzte Dankgebet im Himmel an? Zu der Zeit, als es den Wohlstand noch nicht gab? Und wofür meinte der Beter, dass er danken soll? Bei welchen Gebeten muss sich Gott beherrschen? Bei welchen freut er sich? Bei welchen muss er lächeln? Bei welchen hält er sich die Ohren zu? Das morgendliche Zeitungslesen könnte, wie der Philosoph Hegel meinte, "eine Art von realistischem Morgengebet" sein. Und das abendliche Fernsehen könnte man zu einem Nachtgebet machen. Das Gebet verlangt ja nicht den Rückzug aus der Welt. Es gab zwar immer Fromme, die Gott und Welt für unvereinbar hielten. Gebet ist jedoch kein Fluchtversuch in eine heile Welt. Der Beter sollte Gott in allen Dingen finden können, nicht nur in der Abgeschiedenheit oder im sakralen Raum, und fähig sein, sich aus dem täglichen Geschehen in der Welt den Stoff für sein Gebet zu holen.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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