Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Jörg Zink Gedanken zum Tag

Die Reformation wollte auf die Heilige Schrift allein gründen, nicht auf die Tradition der Kirche. Inzwischen kann man wissen, dass das gar nicht geht.

Stand: 31.01.2020

31 Januar

Freitag, 31. Januar 2020

Die Reformation wollte auf die Heilige Schrift allein gründen, nicht auf die Tradition der Kirche. Inzwischen kann man wissen, dass das gar nicht geht. Die Heilige Schrift ist selbst das Dokument einer starken und lebendigen Tradition. Und sie kommt zu uns nie direkt, sondern immer über ihre Wirkungsgeschichte in zweitausend Jahren. Wir sind mit unserem heutigen christlichen Glauben Ausdruck einer Geschichte. Was wir heute tun und sagen, ist ein Stück weitergehender Geschichte. Was wir später hinterlassen, ist wieder ein Stück heute beginnender Geschichte. Es gilt, sich mit dieser Tatsache einverstanden zu erklären. Der Urmythos der christlichen Religion ist die Christusgeschichte. Die aber ist in einer extremen Weise schmal. Fragen wir heute, was denn am christlichen Glauben das Einzigartige sei gegenüber anderen Religionen, so finden wir die Antwort: Nichts. Wirklich nichts außer der schmalen, verletzlichen, einsamen Gestalt des Mannes von Nazaret. Das Ritual des Christentums besteht dann darin, dass wir unser Dasein und das Dasein unserer Welt deuten von der Gestalt und dem Wort jenes Mannes von Nazaret aus. Das Ethos des Christentums besteht schlicht im Nachvollzug seines Weges, auf die Weise, wie er uns Einzelnen und uns gemeinsam gewiesen wird.

Entnommen aus: Jörg Zink "Gotteswahrnehmung. Wege religiöser Erfahrung", Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009


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