Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Die Behauptung des Karl Marx: "Nicht Gott habe den Menschen, sondern der Mensch habe Gott erschaffen", ist in einer Hinsicht richtig: Wenn man die Gottesbilder damit meint.

Stand: 30.01.2020

30 Januar

Donnerstag, 30. Januar 2020

Die Behauptung des Karl Marx: "Nicht Gott habe den Menschen, sondern der Mensch habe Gott erschaffen", ist in einer Hinsicht richtig: Wenn man die Gottesbilder damit meint. Die Menschen konnten und können der Versuchung nicht widerstehen, so lange an den Gottesbildern herum zu kneten, bis eine Gestalt dabei herauskommt, die ihren Erwartungen entspricht. Furchtsame sehen Gott als Riesen, dem die Menschen ausgeliefert sind. Naivlinge sehen ihn als Lückenbüßer, der sich durch Gebete zum Eingreifen bewegen lässt. Und Autoritäten schüchtern ihre Untergebenen gern mit der Mahnung ein, Gott verlange gegenüber der von ihm eingesetzten Obrigkeit Unterordnung. Für den Bürger ist Gott der große Ordnungshüter; für Unglückliche der Erhabene, der desinteressiert oder gelangweilt auf das niedere Erdenleben schaut. Pedanten sehen ihn als das Wesen mit der mächtigsten Kartei, und Leichtsinnige als gutmütigen Vater, der durchaus Verständnis für die Verfehlungen seiner Kinder hat. Wer meint, Gott habe sich hinter die Milchstraße zurückgezogen, und führe dort sein Eigenleben, wird aus der Furcht heraus, sein Rufen werde über so weite Räume hinweg nicht gehört, das Beten unterlassen. Und wer in Gott den Beobachter vermutet, der alles sieht und nichts vergisst, wird versucht sein, Gott aus dem Weg zu gehen.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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