Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Köhlmeier/Liessmann Gedanken zum Tag

Was ist verdammenswerter: Jemanden zu unterwerfen oder sich jemandem zu unterwerfen?

Stand: 27.01.2020

27 Januar

Montag, 27. Januar 2020

Was ist verdammenswerter: Jemanden zu unterwerfen oder sich jemandem zu unterwerfen? Bei der moralischen Beurteilung von Machtverhältnissen kritisieren wir in der Regel schnell die Machthaber, diejenigen, die nach der Macht greifen und dann Macht ausüben, vor allem diejenigen, die ihre Macht missbrauchen. Im Grunde ist es mit der Idee, dass der Mensch ein freies Wesen sei, das über sich und sein Leben autonom bestimmen sollte, unvereinbar, dass er gleichzeitig Machtverhältnissen unterliegt, die nichts Anderes bedeuten können, als sich dem Willen eines anderen zu unterwerfen. Gerne möchten wir deshalb glauben, dass nur mit Gewalt und ihrer Androhung Menschen dazu gebracht werden können, sich einer Herrschaft zu beugen. Demokratie bedeutet nicht zuletzt auch, Machtverhältnisse zeitlich und räumlich zu begrenzen und durch einen institutionalisierten Machtwechsel dafür zu sorgen, dass die Bäume der Macht nicht in den Himmel wachsen. Seltener, viel seltener wird kritisch darüber nachgedacht, ob es auch Formen der Unterwerfung, der Unterwürfigkeit geben könne, die sich weniger der Androhung von Gewalt als einem Hang des Menschen zur freiwilligen Aufgabe seiner Freiheit verdanken. Sich in Abhängigkeit zu begeben bedeutet nämlich nicht nur, auf Freiheit zu verzichten, sondern auch, sich von Freiheit zu entlasten.

Entnommen aus: Michael Köhlmeier / Konrad Paul Liessmann: "Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammungen", Carl Hanser Verlag, München 2019 (E-Book, Kap. "Unterwerfung")


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